Heldentypen

Heldentum ist inflationär.

Heutzutage ist jeder ein Held. Jedenfalls denke ich das, wenn ich so manchem Kneipengespräch lausche. Jede Erzählung, jeder Bericht eine Aufforderung zur Schulterklopferei. Man will gelobt und anerkannt werden – für Taten wie für Lippenbekenntnisse. Das veranlasst mich, diese (Arche-)Typen einmal näher zu betrachten.

[Entschuldige bitte, dass ich hier der Kürze halber nur die männliche Form benutze. Natürlich gilt das Gleiche auch für Heldinnen!]

Per Definition sind Helden bewundernswerte Personen, die sich durch überdurchschnittliche Fähigkeiten, herausragende Leistungen und/oder edle Eigenschaften auszeichnen. Das bezieht sich auf Körper, Geist und Moralkompass – in unterschiedlichen Gewichtungen. Dabei ergibt sich mehr als nur ein Heldentypus. Gemeinsam ist allen: sie opfern ihre eigenen Bedürfnissen zum Wohle Anderer.

Der Held des Alltags
oder auch Jedermanns-Held begegnet uns in vielen kleinen Situationen. Er hilft aus, wenn man an der Kasse 50 Cent zu wenig im Portemonnaie hat. Er ist die helfende Hand, wenn ein Unfall passiert. Er springt ein, wo Not am Mann ist. Ein normaler Mensch, der in außergewöhnlichen Umständen heldenhaft reagiert – immer selbstlos und moralisch einwandfrei. Eine Figur, die „die gute Tat“ für sich gepachtet hat. Das Publikum identifiziert sich sofort mit ihm, denn jeder kennt oder war schon einmal in der gleichen Situation. Oder denkt, einmal in diese Situation kommen zu können, sei sie auch noch so überhöht.

Der klassische Held
ist ein Durchschnittsmensch mit besonderen Talenten. Der gewöhnliche Nachbar mit einer außergewöhnlichen Gabe, sei es besondere Körperkraft, Magie, Mut, Intelligenz oder Gerechtigkeitssinn. Wichtig aber, dass er in der „normalen“ Welt verankert ist. Auch sein Werdegang ist vorgezeichnet. Der klassische Held stammt meist aus schlechten Verhältnissen, aber ihm ist Großes prophezeit. Trotz Gegenspieler mit den gleichen Talenten bleibt der klassische Held immer ein wenig besser, wenn er endlich seine emotionalen Probleme gelöst hat. Dann kämpft er bis zur Selbstaufgabe für die gute Sache. Das Publikum bewundert ihn für seinen Weg nach oben.

Der Superheld
ist uns nicht nur aus Comics bestens bekannt. Er lebt von der Übertreibung und der Öffentlichkeit seines Handelns. Zu Beginn mag er ein normaler Mensch sein, doch durch ein besonderes Ereignis erlangt er übermenschliche Superkräfte. Wer hier an Spinnen denkt, liegt nicht falsch. Okay, manch Superheld wird als solcher geboren, oft auf einem anderen Planeten, aber das ist nebensächlich. Er riskiert sein Leben für Andere, bleibt dabei im Rahmen von Gesetz und Ethik und am Ende siegreich. Und sein Kostüm knitterfrei. Kein Superheld ohne Happy-End. Das Publikum liebt ihn als Retter des Guten vor dem Bösen.

Der epische Held
wurde von den alten Griechen aus der Taufe gehoben. Er weist beeindruckende Qualitäten auf, mit denen er wahnwitzigste Herausforderungen meistert. Üblicherweise ist der epische Held Sohn aus gutem Hause, besitzt das Potenzial für wahre Größe (Tapferkeit, Weisheit, Menschlichkeit, Tugend, etc.) und reist gerne, selbst an die entlegensten, unwirtlichsten Orte. Seine Gegner sind übernatürliche Scheusale, denen er furchtlos entgegen tritt. Er ist ein unübertroffener Krieger, oftmals schon eine Legende, bevor die Geschichte beginnt. Prahlerei und Arroganz verabscheut er. Er kämpft nicht wegen des Ruhmes, sondern um der Sache selbst. Das Publikum jubelt ihm zu und legt ihm die Herzen zu Füßen.

Der tragische Held
tummelte sich zuerst in den Tragödien von Aristoteles und seinen Kumpanen, hat es aber längst nach Hollywood geschafft. Selbstverantwortlich für sein Leid steuert er nicht mit Absicht, sondern in Ausübung seiner Pflichten dem Untergang entgegen. Der Tod ist unumgänglich. Ein tragischer Held löst Furcht und Mitleid aus. Obwohl er ähnlich wie der epische Held startet (von edler Geburt und mit heldenhaften Eigenschaften), ist er (vom Schicksal, übernatürlichen Kräften oder seinem eigenen Schweinehund) zum Scheitern verurteilt. Er wehrt sich heftig, kommt aber nicht gegen seine Bestimmung, Fehler oder Schwächen an. Das Publikum sieht den Held in sein Verderben laufen, weint mit und um ihn, weit über seinen Tod hinaus.

Eine Entgegnung auf all dieses Glanz-und-Gloria-Getue ist er:

Der Antiheld
entstand wohl aus einem Überdruss an glanzvollen Helden. Das perfekte Vorbild, Inbegriff von Tugend, Rechtschaffenheit und Vollkommenheit, erscheint oft zu langweilig (oder zu unerreichbar). Der Antiheld beginnt die Reise meist auf der schlechten Seite, verfolgt nur egoistische Ziele. Er besitzt all diese wunderbar heroischen Eigenschaften nicht, ja, lehnt sie sogar ab. Seine Persönlichkeit ist dunkel, zumindest getrübt, und voller Makel. Das geht soweit, dass sie Charakterzüge der Bösewichte annehmen kann, unehrlich, aufrührerisch, betrügerisch, unmoralisch, abstoßend ist. Der Antiheld will nicht geliebt werden. Trotzdem fasziniert er sein Publikum, das in ihm einen Funken Gutes wittert.

Tatsächlich könnte man hier noch in zwei Unterkategorien teilen:

Der „Loser“-Antiheld, dem alles, was er anfasst, misslingt. Unattraktiv, manchmal ungebildet, auf jeden Fall ungeschickt, unangenehm und peinlich. Sein Publikum fremdschämt sich in beinahe jeder Szene und hofft auf die Erlösung des Helden.

Der „Villain“-Antiheld, der näher an einem Antagonisten, als am Protagonisten angesiedelt ist. Mit unterirdischen Moralvorstellungen, wenig Selbstbeherrschung, dafür Süchten und Sünden im Überfluss. Das Publikum hofft und bangt um eine Wendung zum Guten.

Der Held-wider-Willen
ist entweder ein Angsthase oder ein ehemaliger Held. Oftmals trägt er noch die Wunden seiner vergangenen Taten. Er hat resigniert, das Heldentum aufgegeben und mit seinem ganz normalen Leben weitergemacht. Auf keinen Fall will er in ein Abenteuer – sei es noch so wichtig, spannend, gut belohnt – hineingezogen werden. Jede Ausrede ist ihm recht. Er steht allem, was seinen Alltagstrott stört, ablehnend gegenüber und es braucht enormen Druck, um ihn zum Mitmachen zu bewegen. Das Publikum schreit ihm zu: „Nun mach schon, Alter!“ und feuert ihn an, in der Hoffnung, nicht auf das falsche Pferd gesetzt zu haben.

Soviel zu den Helden. Natürlich ist das nur eine Essenz aus all den Seiten, die man über sie schreiben kann. Jeder Typus für sich füllt sein eigenes Datenblatt. Beiseite gelassen habe ich all die Helden, die in Gruppen jagen, wie auch die Einzelgänger (die einsamen Wölfe) und die Draufgänger. Sie sind letztlich nur Unterkategorien.

Welches ist dein Lieblingsheld? Hinterlasse mir einen Kommentar.

2 Gedanken zu “Heldentypen

  1. Toller Blog. Ich muss gestehen, ich hab’s mit dem Ritter in glänzender Rüstung. So einen Held braucht jeder doch mal.
    Zum drüber schreiben find ich jedoch den widerwillig Helden interessanter. Die Ecken und Kanten einer solchen Figur sind eine tolle Herausforderung.

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