Der M-Punkt

Magical Midpoint – oder: Spieglein, Spieglein an der Wand

Lassen wir die Magie erst einmal beiseite. Über den Midpoint einer Geschichte wurde viel geschrieben. Oftmals wird er auch als der zentrale Wendepunkt bezeichnet. Es gibt folgenden gemeinsamen Nenner:

  • Der Midpoint liegt in der Mitte der Geschichte, nahezu perfekt auf der 50%-Marke.
  • Er hilft, den erzählerischen „Durchhänger“ im langen zweiten Akt aufzumotzen.
  • Es ist der Punkt, an dem der Held seine Passivität abstreift und von der Reaktion zur Aktion übergeht.

An diesem Midpoint ist für den Protagonisten alles entweder supertoll oder ganz schrecklich (abhängig vom der Art der Geschichte). Er bekommt alles oder nichts von dem, was er glaubte, haben zu wollen (sagt Blake Snyder). Aber das ist nicht das, was er am Ende wirklich braucht.

Durch äußere Umstände gerät der Protagonist nun unter Druck und Zugzwang, weil:

  • sich der Einsatz erhöht hat (z.B. Leben und Tod),
  • die Zeit knapp wird (z.B. die Bombe beginnt zu ticken)
  • neue Informationen einen Richtungswechsel verlangen (z.B. Ermittlungsergebnisse),
  • sich auf dramatische Weise Plot und Subplot kreuzen (z.B. zwei verfeindete Figuren treffen aufeinander).

Jetzt kommt die Magie ins Spiel. Der Midpoint ändert den Tenor der Geschichte, ist ein Auslöser für die persönliche Entwicklung des Protagonisten und nimmt gravierend Einfluss auf den weiteren Verlauf. In jedem der o.g. Fälle muss die Hauptfigur entscheiden, ob sie der Herausforderung/dem Abenteuer entgegentreten möchte oder nicht. Und – um das zu tun – über sich selbst herauswachsen will und kann. Fast hört man die Rädchen in seinem Kopf klicken, wenn der Held in sich geht und ihm plötzlich die Zusammenhänge klar werden. Es ist der Versuch, mit sich selbst ins Reine zu kommen. (Ob ihm das gelingt oder nicht, zeigt sich dann im weiteren Verlauf.)

Diese innere Auseinandersetzung nennt James Scott Bell den Mirror-Moment, den Spiegelmoment. Es ist der Moment der Wahrheit und Klarheit – ein epiphanischer Moment. Der Magical Midpoint formt den Charakter des Protagonisten.

„plot-driven“: Bei einer von der Handlung vorangetriebenen Geschichte wägt er zwischen sich selbst und den Hürden ab, die es zu meistern gilt: Wird er es schaffen? Ist er stark genug? Sind seine Fähigkeiten/Eigenschaften ausreichend?

„character-driven“: Bei einer von der Figur getragenen Geschichte hinterfragt der Protagonist am Midpoint sich selbst: Was für ein Mensch ist er und wie möchte er sein? Welche persönliche Veränderung muss er durchlaufen, um am Ende das Abenteuer erfolgreich zu bestehen?

An dieser Stelle ist der Gegner meist auf seinem Hoch. Der Protagonist blickt dem absoluten Scheitern oder sogar Tod direkt ins Auge – sozial, physisch oder psychologisch. Er weiß, dass er jetzt entweder stärker, größer, widerstandsfähiger werden muss oder sich selbst wandeln, seine Schwächen und Selbstzweifel überwinden und sich für neue Ideen öffnen muss. So oder so muss er „besser“ werden. Aus der inneren Erkenntnis zieht er schließlich die Kraft, sich zu ändern und dem Antagonisten entgegen zu treten.

Die Magie dieser Reflexion zieht das Publikum in Bann und schafft einen unvergesslichen Augenblick. Hier gibt der Held sein Innerstes preis.

Wie sieht es mit deinem Magical Midpoint aus? Beantworte folgende Fragen:

  • Gibt es einen auslösenden Moment in der Mitte deiner Geschichte?
  • Ändert sich überraschend die Richtung der Handlung?
  • Wodurch verstärkt der Midpoint die Spannung deiner Geschichte?
  • Ist alles scheinbar wunderbar oder ganz schrecklich für deinen Protagonisten?
  • Hat deine Hauptfigur neuen Informations- oder Erkenntnisgewinn?
  • Hinterfragt sie sich oder ihre Situation?
  • Gibt es an der 50%-Marke deiner Geschichte einen Spiegelmoment?
  • Ändert sich die Motivation deiner Hauptfigur? Oder ihr Charakter?

3 Gedanken zu “Der M-Punkt

  1. Super geschrieben und nun frage ich mich: Habe ich einen M-Point? Und nein, ich werde das jetzt nicht kontrollieren, sondern brav meinen ersten Entwurf zu Ende schreiben und mich dann auf die Suche begeben. Ich denke, ich habe ihn, aber noch nicht abschließend ausgearbeitet. Auf jeden Fall ein interessanter Artikel, der mich zum Nachdenken gebracht hat.

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