Das ewige Hin und Her

Spitzfindigkeit oder eine Frage der Perspektive?

Wohin, du rauschender Strom, wohin?
Hinunter, hinab die Bahn.
Will rasten, weil ich müde bin,
Im stillen Ozean.

aus: „Wohin“ von J.K.R. Sturm

Heute widme ich mich einem Thema, das mich gelegentlich die Palme hinauf treibt: Hinauf oder herauf, hinunter oder herunter?
Es mag dir wie eine Farce erscheinen, denn in der Umgangssprache sagt es jeder, wie er will. Sogar mit regionalen Eigenheiten und ohne Verständigungsprobleme.
Doch auf Papier sieht das anders aus. Die deutsche Sprache ist da, wieder einmal, sehr genau. Es ist tatsächlich eine Frage der Perspektive.

Ich möchte versuchen, diese Ortsbeziehungen mit ein paar Grafiken klarer zu machen.

Rauf oder runter?

Paula Fort ist unsere Perspektivfigur (PF). PF steht auf dem Mittelabsatz einer Treppe. Unten steht Ute (U), oben Olivia (O).

Beispiel 1:
PF bewegt sich in Richtung O. Sie geht die Treppe hinauf.
PF bewegt sich in Richtung U. Sie geht die Treppe hinunter.
Wieso?
Hin markiert die Richtung von der PF oder ihrem Ausgangspunkt weg.

B1

Umgekehrt in Beispiel 2:
O bewegt sich auf PF zu. Sie kommt die Treppe herunter.
U bewegt sich auf PF zu. Sie kommt die Treppe herauf.
Warum?
Her markiert die Richtung auf die PF zu.

B2

Ja aber halt mal, möchtest du sagen? Geht nicht O die Treppe hinab?
Nein, denn O ist nicht die Perspektivfigur. Von PFs Standpunkt aus kommt O herunter. Nämlich auf PF zu.
Würdest du allerdings O sprechen lassen, sagt sie zurecht: „Ich gehe die Treppe hinab.“ Denn O spricht aus ihrer Perspektive.

Übrigens:
Wer durcheinander kommt, kann die Treppe immer noch nach oben oder abwärts gehen 😉

Die gleiche Systematik gilt, wenn PF entweder O oder U einen Apfel zuwirft und die beiden den Apfel jeweils zu PF zurückwerfen. Fällt ein Apfel also vom Baum, dann fällt er hinab, wenn der Ausgangspunkt des Erzählers oben im Baum ist, aber er fällt herab, wenn der Erzähler unten steht. Klar, oder?
(Der Duden bezeichnet übrigens herab und herunter als synonym, ebenso hinab und hinunter. Nimm, was dir gefällt.)

Analog dazu verhalten sich die Lokaladverbien herein, hinein, heraus, hinaus und herüber, hinüber. Der Blickwinkel ist ausschlaggebend.

Rein oder raus?

Beispiel 3:
Andrea (A) steht vor Paula Forts (PF) Haus.
PF bittet A herein, als diese an der Tür klingelt.
PF begleitet A hinaus, als sie wieder geht.

B3

Beispiel 4:
Paula Fort (PF) möchte Inge (I) besuchen.
I kommt heraus, um PF zu begrüßen.
PF geht hinein, um mit I Kaffee zu trinken.

B4

Wenn PF eine Tasche packt, dann legt sie Dinge hinein, und holt andere Dinge heraus. Das gilt, solange PF deine Perspektivfigur ist. Schreibst du allerdings aus Sicht der Tasche, dann … na? Richtig, kehrt sich das Ganze um.

Rüber

Beispiel 5:
Paula Fort (PF) hat eine Nachbarin, Dörte (D). Sie wohnt drüben, auf der anderen Seite der Straße.
Wenn PF sie besucht, geht sie hinüber zu D.
Wenn D einen Gegenbesuch macht, kommt sie zu PF herüber.

B5

[Es gibt einen einfachen Hin-und-Her-Test: Strecke deinen Zeigefinger aus und wedle damit schnell zwischen dir und jemand/etwas anderem hin und her. In deinem Kopf sagst du dazu „hin“ und „her“. Intuitiv wirst du die Bewegung von dir weg als „hin“ bezeichnen und die auf dich zu als „her“. Andersherum fühlt es sich falsch an – du wirst es merken.]

So, alle Klarheiten beseitigt, oder? Ich werde nun meinen Elfenbeinturm hinabsteigen und hinausgehen, um frische Luft in meinen Kopf herein zu lassen 😉

Auffi und obi

Umgangssprache und regionale Eigenheiten lasse ich hier unerwähnt, weil sie die Schriftsprache nur wenig betreffen. Da ich aber in Bayern und mit Auffi und Obi aufgewachsen bin, hier noch ein kleiner Nachtrag:

Das Suffix „-i“ entsprich dem „hin“, das Suffix „-a“ dem „her“.

Demnach geht in Beispiel 1 PF auffi, wenn sie die Treppe zu O erklimmt und obi, wenn sie U besucht. Aber O kommt oba und U auffa, wenn sie mit PF Kaffee trinken wollen.

In dieser Systematik gibt es folgerichtig: auffi, obi, aussi, eini und auffa, oba, aussa, eina, sowie umi/uma für hinüber/herüber.

Also dann: Servus!