Zerteilt oder zerstückelt

Braucht dein Buch Kapitel – und wenn ja, wie viele?

Anatomisch gesehen besteht keine Notwendigkeit, deinen Roman in Kapitel zu unterteilen. Die zugrunde liegende Plotstruktur (der Spannungsbogen) bildet das Skelett, die Handlung das Fleisch. Deine Prämisse rauscht wie Blut durch den ganzen Text, die Figuren sind die Innereien, und die Details, Emotionen etc., steuern die Nervenbahnen bei, sowie das Setting den hübschen Rest. Alles drin, alles dran. Das Buch könnte ohne Weiteres als Ganzes präsentiert werden. Warum also alles zerteilen und zerstückeln?

Die Antwort ist einfach: Du gibst dem Leser Gelegenheit, das Buch aus der Hand zu legen (etwa wie eine Werbepause im Fernsehen) und durchzuatmen. Selten wird ein Buch in einem Rutsch gelesen. Kleinere Leseeinheiten bereiten den Text sozusagen benutzerfreundlich auf. Der Leser kann das Gelesene einsinken lassen und neu eingeführte Charaktere, Wendungen, etc. verarbeiten. Kapitel bringen Struktur in den Lesefluss und bestimmen Rhythmus und Tempo. Sie dienen quasi als Wegweiser durch die Geschichte. Das erhöht das Lesevergnügen.

 

Was ist nun ein Kapitel?
Kapitel sind Sinnabschnitte. Sie gliedern und erleichtern die Navigation durch Texte relativer Länge. So ungefähr beschreibt es Wikipedia.
Beziehst du das also auf deinen Roman, heißt das: innerhalb eines Kapitels schreitet die Story in einem bestimmten Sinne voran. Die Prämisse deines Romans durchwirkt die Handlung, doch man könnte sagen: jedes Kapitel hat zusätzlich eine eigene Prämisse. Wo ist der Protagonist/die Handlung zu Beginn, wo ist er zum Ende des Kapitels? Dein Protagonist und/oder die Handlung entwickeln sich weiter. Sprich: der Leser hat einen Erkenntnisgewinn, die Geschichte hat Vortrieb.

Wie ist ein Kapitel aufgebaut?
Kurz gesagt: Ein gutes Kapitel funktioniert nach einem 3-Akt-Modell – Anfang, Mitte, Ende. Das geschieht meist durch mehrere Szenen, die so etwas wie eine Kausalkette bilden. (Sehr selten gibt es auch Kapitel mit nur einer Szene.) Im Mittelpunkt steht meist ein für die Story wichtiges Ereignis. Unerlässlich dabei ist der Spannungsbogen.
Ein Hook zu Anfang ist empfehlenswert, um den Leser hineinzuziehen. Du bietest dem Leser ein neues Problem, das der Protagonist auf dem Höhepunkt des Kapitels löst (oder eben nicht) und das dem Hauptkonflikt deines Plots zuträgt. Im Aftermath des Klimax schürt ein Cliffhanger die Spannung auf Fortsetzung.

Wie steigt man ein?
In erster Linie folgt der Einstieg einer gewissen Logik innerhalb der ganzen Geschichte und schließt an das vorherige Kapitel an.
Es hilft, wenn du dir zuvor eine Notiz machst, was passieren soll und wie es die Story weiterbringt, z.B. „In diesem Kapitel wird der Leser erfahren, warum der Held enge Räume nicht betreten kann (was ihn daran hindert, in das Hauptquartier des Gegenspielers zu gelangen).“

Frage dich, ob der Anschluss stimmt und du die Erwartungshaltung des Lesers befriedigst, oder – ebenfalls eine Möglichkeit, die Spannung zu erhöhen – ob du mit Absicht einen Bruch erzeugst und einen anderen Handlungsstrang verfolgst, und wenn ja, warum. Frage dich, ob der Leser von deinem Einstieg neugierig genug gemacht wird und einen Ausblick bekommt, was (oder welcher Konflikt) ihn in diesem Abschnitt erwartet.
Und frage dich, ob das Kapitel für deine Story unerlässlich wichtig ist. (Sonst kann es nämlich weg!)

Wann und wie endet ein Kapitel?
Grundsätzlich kann man sagen: Der Schnitt wird gesetzt, wenn eine bedeutende Veränderung in der Geschichte stattgefunden hat. Weitere Schnitte sind sinnvoll mit dem Wechsel der Perspektivfigur, dem Ende eines Zeitabschnitts und einem Ortswechsel.

Zur Gestaltung deines Kapitelendes gibt es etliche Möglichkeiten, den Leser in Spannung zu halten: eine plötzliche Wendung, eine aufgeworfene Frage, eine anstehende Bedrohung, die Entdeckung des nächsten Puzzleteils, eine innere Entscheidung, eine Offenbarung, etc.
Bedenke aber: es tut auch ganz gut, ein Kapitel sanft ausblenden zu lassen und den Figuren wie dem Leser eine Verschnaufpause zu gönnen.

Wie lang und wie viele?
Hier gibt es keine Regel, außer der reinen Sinnhaftigkeit.
Manche Autoren zerstückeln ihre Texte in 50 und mehr Kapitel – sehr kurze Leseeinheiten mit jeweils nur wenigen Seiten. Das ergibt eine Aneinanderreihung vieler kleiner Spannungsbögen, die den Leser gefesselt halten. (Minus: durch das ständige Auf und Ab kann sich die Spannung abschleifen und der Leser ermüden.)
Andere Autoren wählen sehr wenige, lange Abschnitte, die wie eine Geschichte in der Geschichte leben. (Minus: der Leser könnte den Blick auf das Ziel und somit die Orientierung im Buch verlieren.)
Als Durchschnittswert für eine optimale Kapitellänge scheinen sich 20 Seiten bewährt zu haben. Aber:

Ein wesentlicher Faktor für die Bestimmung der Kapitellänge ist das Genre.
Ebenso wie Tempo, Stimmung und die Gesamtlänge des Buches.
Ein epischer 1000-Seiten-Roman (z.B. History oder Fantasy) spielt gerne mit langen, in sich verwundenen Kapiteln, die die Story langsam in raumnehmenden Beschreibungen entfalten und wie ein stetiger Fluss gewichtig voranwälzen. Ein Thriller dagegen setzt eher auf kurze, aktionsreiche Kapitel, die Spannung und Dramatik bringen und einen schnellen Lesefluss fördern.

Es gibt kein Patentrezept.
Du als Autor musst einen dem Genre und deiner Geschichte angemessenen Rhythmus finden. Ähnlich wie bei der Länge der Sätze solltest du auch in der Kapitellänge variieren. Kurze, schnelle Kapitel (manchmal nur eine Seite lang) heben besondere Ereignisse aus dem Lesefluss heraus, während längere deine Geschichte und deine Figuren wachsen lassen.
Verlass dich auf dein Gespür und behalte dabei deine Zielgruppe im Auge.

Zusammenfassung:

  • Kapitel sind Sinnabschnitte, die dem Leser die Story mundgerecht servieren.
  • Sie haben Anfang, Mitte und Ende, unterstützt durch Hook, Klimax und Cliffhanger.
  • Die Menge und Länge deiner Kapitel ist abhängig von Genre, Tempo und Stimmung.
  • Du bestimmst den Lesefluss und Rhythmus, aber gönne dem Leser Verschnaufpausen.

Ein letzter Gedanke noch: Die Betitelung eines Kapitels
Hier gibt es etliche Varianten:

  • reine Nummerierung „1“
  • nummerierte Bezeichnung „Kapitel 1“
  • mit Titel „Kapitel 1: Grünes Glück“
  • mit Beschreibung „Kapitel 1, in dem der Gärtner Hans beim Rasenmähen einen Klumpen Gold findet“
  • Name der Perspektivfigur, Orts- und/oder Zeitangaben
  • Thema des Kapitels (oder sogar das Ereignis selbst)
  • Zitate, Aphorismen, Songtextzeilen
  • etc.

Auch hier heißt es für dich: behalte die Zielgruppe im Auge.
Titel sind Wegweiser. Sie dienen dem Leser zur Orientierung. Ob und wie viel sie von der Geschichte preisgeben, ist genreabhängig. Ein Thrillerautor möchte nicht zuviel im Vorhinein verraten. Deshalb findet man in diesem Genre meist nur Nummerierungen. Kinderbücher dagegen spielen mit der Erwartungshaltung und betiteln oft mit neugierig machenden Kapitelthemen (z.B. Alice im Wunderland: „Hinab in das Kaninchenloch“).

Bryan Wiggins reduziert die Kapitelbetitelung auf eine einfache, aber sinnvolle Formel: Attraction – Focus – Orientation.

Noch Anregungen oder Fragen deinerseits? Schreib sie in die Kommentare.