Fein gewebt oder locker gestrickt

Beziehungsgeflecht – die Figurenkonstellation in deiner Geschichte

Wer kennt das nicht: eine großes Familienessen und noch vor der Hauptspeise werden die Messer gewetzt. Tja, Verwandtschaft und Freunde an einem Tisch – da sind die Konflikte vorprogrammiert. Der nette Therapeut von nebenan rät dann zur Familienaufstellung, um die Knoten zu lösen.

Genau das solltest du auch in deiner Geschichte berücksichtigen.
Um den Überblick zu behalten, wer mit wem was am Laufen hat, ist es sinnvoll, die Figurenkonstellation zu notieren. Je mehr Figuren, je komplexer das Beziehungsgeflecht, um so wichtiger ist es, diese Konstellation im Vorhinein festzulegen und am besten anhand einer Grafik/Diagramm (nennen wir es doch „Konnex Sheet“) zu visualisieren. – Es sei denn, du bist George R.R. Martin und hast alle Charakter- und Handlungsfäden im Kopf 😉

Das Anfertigen einer Figurenkonstellation hilft dabei, die Verknüpfungen und Verhältnisse der Figuren in einem Text zu verstehen und während der Arbeit am Text beizuhalten.

Ein Konnex Sheet zeigt im Grunde die sozialen (Freundschaften oder Verwandheitsgrad), emotionalen, psychologischen und mentalen Beziehungen der Charaktere inkl. der entsprechende Dynamik. Die Verhältnisse können entweder gut/positiv oder schlecht/negativ aufgeladen sein.
Das Beziehungsgeflecht selbst ist eine Gemengelage aus Sympathien und Antipathien, Hierarchie und Abhängigkeit, Bündnissen und Feindschaft, Gemeinsamkeiten und Unterschieden, Liebe und Hass.

Anhand dieser Struktur kannst du – wie bei einer Familienaufstellung – Beziehungen, Abhängigkeiten, geheime Konflikte zwischen deinen Charakteren aufdecken, die dir später in der Geschichte und für die Charakterentwicklung nützlich sein können.
Notiere dir, wer zu welchem (für die Geschichte relevanten) Thema welche Meinung hat und mit wem die Figur welchen Konflikt hegt. Nutze diese Informationen, um sie an geeigneter Stelle in die Handlung oder einen Dialog einzubauen.
Beispiel: Du entdeckst durch die Figurenaufstellung, dass eine Figur einen insgeheimen, vielleicht aus der Vorgeschichte resultierenden Groll gegen eine andere Figur mit sich trägt. Diese beiden können sich nicht unbefangen begegnen. Ein Gespräch zwischen ihnen würde alles andere als ein Kaffeekränzchen werden.

Im Laufe der Geschichte wird sich deine Figurenkonstellation mit Sicherheit verändern. Mit der Charakterentwicklung und dem Erreichen von Zielen werden sowohl der jeweilige Figurenstatus als auch die Hierarchie innerhalb des Beziehungsgeflecht eine Wandlung durchmachen.
(Du kannst, wenn du deinen Plot schon parat hast, auch ein Anfangs- und ein End-Konnex erstellen.)

Mach dir ein Konnex Sheet
Ausgehend davon, dass du deine Figuren schon entwickelt oder zumindest im Kopf hast und einen groben Plot deiner Geschichte kennst, kannst du nun ein Konnex anlegen:

  • Nimm dir einen Bleistift (und lege auch einen Radiergummi bereit), ein leeres Blatt (je nach Anzahl der Akteure sollte es eine passende Größe haben, um auch kurze Notizen unterzubringen) und ein paar Spielfiguren – z.B. vom Mensch-ärgere-dich-nicht – die bringen dem Namen nach schon konfliktreiche Aufladung mit ;-).
  • Platziere deinen Protagonisten und den Antagonisten auf jeweils einer der Seiten.*
    (Alternativ kannst du auch den Protagonisten in die Mitte setzen, wie eine Spinne im Netz, aber denk an die wichtigsten drei Regeln für einen spannenden Roman: Konflikt, Konflikt, Konflikt.)
  • Nun fügst du auf jeder Seite jeweils die in der Geschichte relevanten Figuren hinzu, und zwar in dem Abstand, in dem sie sich nahe (oder fern) stehen. Je stärker die Verbindung, desto näher aneinander sollten die Figuren stehen.
  • Überlege dir, welche Beziehungen/Konflikte zwischen ihnen herrschen und wie sie das beeinflusst, auch unabhängig vom Plot.
    Wie fühlen sie sich in der Position, in der sie z.B. zur Hauptfigur stehen? Sind sie zufrieden oder unzufrieden? Wollen sie woanders stehen? Was wollen sie erreichen? Und wie wirkt sich das auf ihre Rolle innerhalb des Plots aus? Musst du als Autor evtl. den Plot verändern, oder die Figur verschieben, um das zu erreichen, was du mit deiner Geschichte erzählen willst?
    Notiere dir ihre Motivationen, ihre Mindsets, ihre Wants und Needs und gleiche sie mit der Figurenposition auf dem Blatt ab. Vielleicht steht sie ja einer anderen Figur näher, als du erwartet hättest.
  • Schiebe deine Figuren so lange auf dem Blatt herum, bis sie dir und deiner Geschichte angemessen dienen. Dann kannst du sie mit einem Bleistiftkringel mit Name und Rolle auf dem Blatt fixieren.
    (Bleistift deshalb, damit du später noch Änderungen vornehmen kannst. Denk daran, dass die Positionsänderung von nur einer Figur einen ganzen Rattenschwanz an Beziehungsverschiebungen nach sich ziehen kann.)
  • Überlege, wie deine Geschichte aus der Perspektive von jeder deiner Figuren auf dem Blatt aussieht. Der Blick aus einer anderen Richtung kann manchmal Schwachstellen im Plot aufdecken.
  • Markiere die Verhältnisse untereinander mit unterschiedlichen Linien für z.B. Liebe, Hass, Verwandtschaft, Business, etc. und mach dir Notizen zu den stärksten und wichtigsten Figuren und Verbindungen. Die nebensächlicheren kannst du auf der Rückseite, oder einem anderen Blatt notieren, sonst wird es unübersichtlich.
  • Halte das Blatt im Blick, wenn du an deiner Geschichte arbeitest und trage ggfs. Veränderungen ein.

KONSTELLATION

*) Die Hauptfiguren jeder Geschichte sind in der Regel Protagonist und Antagonist (welcher nicht unbedingt eine Person sein muss). Um diese dreht sich die Geschichte. Die Nebenfiguren dagegen sind quasi Wasserträger. Sie erfüllen bestimmte Rollen, die die Geschichte/die Entwicklung des Helden vorantreiben. Beispiele dafür sind der „Sidekick“, „der Bote“, der „Mentor“, der „Handlanger“, die „Geliebte“, der „Katalysator“, etc. Auch die Beziehungen zwischen Haupt- und Nebenfiguren – manchmal auch die zwischen den verschiedenen Nebenfiguren – sind für die Geschichte und die Dramaturgie wichtig.

Sehen wir uns eine beliebte Figurenkonstellation an:
Auf der einen Seite steht der Held und sein Sidekick, auf der anderen der Antagonist und sein Handlanger. Klingt erstmal unspektakulär, hat sich aber als Erfolgrezept-Dauerbrenner bewährt.

  • Harry Potter (der Held) und Ron/Hermine (Sidekicks) gegen Voldemort (anfänglich unsichtbare Bedrohnung/Antagonist) und z.B. die Malfoys (Handlanger)
  • Frodo (der Held) und Sam (sein Sidekick/Gefährte) gegen Sauron (die allmächtige, unsichtbare Bedrohung/übergeordneter Antagonist) und Saruman (Saurons Handlanger/direkter Antagonist)
  • Robin Hood (Held) und Little John (Sidekick) gegen Prinz John (übergeordneter/größtenteils unsichtbarer Antagonist) und den Sheriff von Nottingham (Prinz Johns Handlanger/direkter Antagonist)
  • Sherlock Holmes (Held) und Dr. Watson (Sidekick) gegen Professor Moriarty (größtenteils unsichtbarer Antagonist) und z.B. Sebastian Moran (Handlanger)

(Danke an Annika Bühnemann/Vom Schreiben leben: „Das Robin-Hood-Konzept“ für diese Beispiele)

Die Figuren bleiben zwar in ihren Rollen, aber die Beziehungen untereinander wandeln und entwickeln sich. Und das wiederum beeinflusst den Lauf der Geschichte.
Beispiel: Ist der Sidekick sauer auf den Helden (z.B. weil der Held sich menschlich mies verhalten hat) und rebelliert als Gefährte, fehlt dem Helden eine wichtige Komponente zum Erreichen seines Ziels. Er muss nun auf eine weniger geeignete Alternative zurückgreifen, was zum Scheitern führen kann, oder den Sidekick wieder ins Boot zurückholen, indem er sich innerlich überwindet und eine Entschuldigung ausspricht (siehe „Sherlock“). Und das ganze Desaster wurde möglicherweise von einer anderen Nebenfigur ausgelöst werden, die den Sidekick in diese Stimmung versetzt hat.

Im Idealfall sind die Beziehungsfäden in deinem Figurenset zu einem komplexen Spinnennetz verwoben. Zieht man an einem Faden, bringt es das ganze Netz in Bewegung. Der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings …

Fazit: Je genauer man die Beziehungen zwischen den Figuren definiert, desto mehr kann man aus diesen schöpfen. Emotionen und psychologische Details der Figuren tragen einen Großteil zur Spannung einer Geschichte bei.

Wie gehst du vor, um einen Überblick zu behalten? Wie behältst du die Verknüpfungen im Auge? Schreibe gerne einen Kommentar.