aus: Erdenwandler

Angela Hoptich
Tanz in den Mai

„Seht ihr, ich hatte recht.“ Bohne zeigte in die Dunkelheit, und wir starrten seinem Zeigefinger hinterher.
Erst sah ich nur schwarz, wusste nicht, wo ich den Blick fixieren sollte, doch schließlich entdeckte ich, was er meinte. Oben auf dem Rosenberg konnte man ein rechteckiges Flackern erkennen, das mal hier, mal da aufleuchtete und wieder verschwand. Als ob jemand hinter verschiedenen Fenstern Licht an- und ausknipste. Dort wollten wir hin. Von unserem Treffpunkt im Tal aus waren es nur schlappe fünfhundert Meter dort hinauf. Okay, steile fünfhundert Meter, aber machbar.
„Na dann mal los“, sagte Schmauch und bockte sein Moped hoch. Er war als Einziger von uns schon sechzehn. Wir anderen schlossen unsere Fahrräder aneinander.
Peti, die einen Ritt auf meinem Gepäckträger geschnorrt hatte, weil ihr Rad einen Platten hatte, kramte währenddessen einen Lipgloss aus ihrer Handtasche. Ekelhaft süßer Erdbeergeruch verbreitete sich, als sie ihn auf ihre gespitzten Lippen auftrug. Meine Freundin liebte süße Sachen, die ich meist nur widerlich fand. Ihr Blick, ebenso klebrig wie die Erdbeerpampe, haftete dabei auf Schmauch. Er bemerkte es nicht. Seine Aufmerksamkeit galt allein seiner neuen Freundin Clarissa, einer elfenhaften Blondine aus meiner Parallelklasse.
„Sollen wir die Straße nehmen oder durch den Wald? Wald ist kürzer“, meinte Peti mit einem Blick auf Clarissas Ballerinaschühchen.
Schmauch steckte sich eine Fluppe an und inhalierte genüsslich. Selten sah man ihn ohne Zigarette im Mundwinkel. Seinen Spitznamen hatte er sich quasi redlich „erschmaucht“.
„Wald“, antworteten er, Bohne und ich gleichzeitig.
Schmauch legte den Arm um seine Freundin und zog sie mit sich. Nach ein paar Schritten war nur noch die Glut seiner Zigarette zu sehen. Wir alle hatten Taschenlampen mitgebracht, aber Schmauch schien mit Clarissa lieber im Dunkeln bleiben zu wollen. Erhoffte er sich dadurch, dass sie sich schutzsuchend in seine Arme stürzte? Das hätte dieses Mäuschen so oder so getan. Vielleicht kehrte er auch einfach nur den Macker heraus.
Peti hakte sich bei mir unter und flüsterte etwas zu laut: „Na, bald wird sie nicht mehr so schön aussehen. Für den Wald ist sie nicht richtig angezogen. Vielleicht bricht sie sich ja den Hals.“ Der zynische Unterton hatte sich erst kürzlich bei Peti eingenistet. Eigentlich war meine beste Freundin eine zwar etwas ruppige, aber nette Person. Nur hasste sie es, übergangen zu werden. Und Schmauch hatte sie übergangen. Er hatte Clarissa gewählt.
„Was tuschelt ihr schon wieder?“ Mit dieser rhetorischen Frage drängte Bohne sich zwischen uns und schlang die Arme um unser beider Schultern. Er roch nach Seife und Haargel. Mein Bauch begann zu kribbeln, als die Wärme seiner Hand in meinen Oberarm sickerte.
„Ich bin echt gespannt, was da oben so abgeht. Wird ja ein krasses Geheimnis draus gemacht. Alkoholexzesse, Drogenrausch und so, aber ich kenn keinen, der wirklich schon mal dabei war. Ihr?“
Ich schüttelte den Kopf. Meine Stimme war mir im Hals
steckengeblieben.
„Erstmal müssen wir hinkommen“, moserte Peti und schlug eine Ranke von ihrem Bein. „Dieses Scheißgebüsch hat Krallen.“
Bohne lachte. „Dornen meinst du wohl. Das sind wilde Rosen. Die wachsen hier überall.“
„Wer hätte das geahnt, Klugscheißer?“ Peti boxte ihn in die
Rippen. „Dass auf dem Rosenberg auf dem Weg zur Rosenhöhe Rosen wachsen? Ts-ts-tss. Wunderbare Welt der Wunder.“ Mit einigen schnel­len Schritten setzte sie sich von uns ab. Ich hörte sie etwas fluchen, das sich wie „Erklär mir doch bitte das Leben, Arsch“ anhörte. Auf Jungs war sie gerade nicht sehr gut zu sprechen. So blieben Bohne und ich allein als Nachhut unserer kleinen Truppe. Allein mit Bohne. Das hatte ich gehofft und auch gefürchtet. Ich wollte es auf keinen Fall versauen. Sein Arm lag immer noch auf meiner Schulter, seine Finger spielten mit meinen langen Strähnen. Die Anspannung in mir wuchs.
„Ich dachte, dein Bruder wäre schon mal auf so einer Party gewesen“, presste ich heraus, um interessiert und unterhaltsam zu wirken. Meine Stimme kratzte, was mich ärgerte. Bohne schien das nicht aufzufallen.
„Äh … also …“ Er machte einen großen Schritt über eine Wurzel und brachte mich damit fast zu Fall. Sein Arm schlang sich um meine Taille und fing mein Stolpern ab. Sogleich ließ er mich wieder los und fuhr sich durch die Haare. Er hob meine Taschenlampe auf, die ich vor Schreck losgelassen hatte, und gab sie mir zurück. „Tschuldige.“ Durch das Gel standen seine kurzen Locken nun nach allen Seiten ab. Es sah wild aus – und unglaublich anziehend. Sein Blick hing an meinem Mund.
Ich grinste. „Alles okay.“
Mein Herz hämmerte, als wollte es die Rippen durchschlagen – so was von gar nicht okay. Meine Lippen schienen unter Bohnes Blick auszutrocknen. Ich musste sie mit der Zunge befeuchten. Bohnes Gesicht kam näher.
„He, Mell, kommt ihr endlich?“, rief Peti aus der Dunkelheit über uns. Das Licht ihrer Taschenlampe irrte umher, bis es blendend auf meinem Gesicht lag. Das wirkte wie eine kalte Dusche.
„Kommen.“ Bohne räusperte sich und wandte sich zum Gehen. Dabei ließ er wie zufällig seine Hand in meine gleiten und verflocht unsere Finger miteinander. Er sah mich nicht an, sondern stapfte einfach voran und zog mich mit sich. Unsere Handflächen rieben aneinan­der, seine ebenso feucht wie meine.
Bevor wir Peti erreichten, machte ich mich los. Ich wollte meine Freundin jetzt nicht brüskieren. Ihr Herz war frisch gebrochen. Da wäre es taktlos, ihr meine eigene Verliebtheit unter die Nase zu reiben. Sie sah uns skeptisch an, als wir sie einholten, und schüttelte den Kopf. Ich zuckte nur mit den Schultern. Mehr Kommunikation war nicht nötig.
Gemeinsam kämpften wir uns weiter den Hang hinauf. Obwohl Peti und ich erfahrene Waldwanderinnen waren, strengte mich der unwegsame Anstieg ziemlich an. Schon als kleine Kinder hatten wir oft in dem Wäldchen gespielt, das an unser Wohngebiet grenzte. Seit der Grundschule nahmen wir jeden Sommer an Feriencamps teil. Waldspaziergänge und Nachtwanderungen gehörten dort zur Tagesordnung. Wir lernten, uns richtig zu kleiden, welche Tiere dort lebten und wie man sich verhielt, ohne die Natur zu schädigen. Dass man sie respektieren muss, um im Einklang zu leben. Keine von uns beiden zuckte bei einem Knacken im Geäst, dem plötzlichen Schrei eines Vogels oder anderen Geräuschen. Wir hatten längst keine Angst mehr vor dem „dunklen Wald“, das einzig Gruselige darin waren wir Menschen. Heute allerdings schien der Wald eine Abwehrhaltung eingenommen zu haben. Wurzeln buckelten vor unseren Füßen, die Rosenbüsche wurden dichter und unverfrorener. Sie krallten sich in die Jeansbeine, die Jacken und in unsere langen Haare. Außerdem war es stiller als erwartet, selbst für eine Nacht. Man hörte die Blätter von den Bäumen fallen.
„Wir hätten auf der Straße gehen sollen“, jammerte Clarissa, als sie zum x-ten Mal eine Ranke von ihrem Strickjäckchen löste. Ihre sonst sanfte Stimme, lieblich wie das Maunzen eines Katzenbabys, hatte sich in ein weinerliches Quieken gewandelt. Die flauschige, schweinchen­rosa Jacke und ihr kurzer Rock wurden mittlerweile an einigen Stellen von gezogenen Fäden verunziert, ihre nackten Beine waren ordentlich zerkratzt und die Schuhe, diese helllilablassblauen Ballerinas, mit schwarzer Walderde verkrustet. Sie bemühte sich, mit Dauergeblinzel ihre Tränen zu unterdrücken, was nur halbwegs gelang.
„Ach, halt doch den Mund. Die Straße ist ungefähr fünf Mal so lang“, knurrte Peti sie an. „Die schraubt sich in einer Spirale um den Berg. Die Party wäre längst vorbei, bis wir ankommen. Ist doch nicht unser Problem, wenn du nix Richtiges zum Anziehen hast.“
„Lass sie in Ruhe“, fuhr Schmauch Peti an. „Clarissa ist genau richtig für eine Party gekleidet. Sie weiß eben, was einen Mann“, er betonte das Wort, „glücklich macht. Sie hat Stil, was man von dir echt nicht behaupten kann.“ Der Lichtstrahl von Schmauchs Taschenlampe glitt an Petis Outfit entlang, das wie mein eigenes aus Schnürstiefeln, Jeans und einer festen Windjacke bestand.
„Oder aber“, keifte Peti zurück, „ich habe außer Stil auch noch Grips. Aber so etwas fällt ja ‚dem, der mit dem Schwanz denkt‘, nicht auf.“ Wie ein Exhibitionist riss sie ihre Jacke auf. Darunter kam, bis zu den Hüften hochgeschoben, das schwarze Glitzerkleid zum Vorschein, das ich ihr zu Weihnachten genäht hatte. Sie musste also nur Jacke und Jeans ablegen, um ein perfektes Party-Outfit zu tragen. Wirklich schlau. Ich hatte lediglich ein hübsches Top unter meiner Jacke versteckt.
Schmauch zog an seiner Zigarette. Das orangefarbene Glühen vertuschte alles, was ihm möglicherweise an Farbe in oder aus dem Gesicht schoss. Nur ein kurzes Muskelzucken an der Wange verriet, dass er sich getroffen fühlte. Betont gelassen warf er einen Blick auf seine Armbanduhr.
„Weiter jetzt! Es ist schon gleich elf“, herrschte er uns alle an. „Oder wollt ihr etwa nicht mehr?“
Er stapfte, Clarissa im Schlepptau, den Hang weiter hinauf. Wir anderen folgten. Ich hakte mich bei Peti ein, die mit einer schnellen Bewegung über ihre Augenwinkel wischte. Wohlweislich kommentierte ich das nicht.
„Die besten Partys fangen vor zwölf eh nicht an, Arschgesicht“, zischte sie Schmauch hinterher. Mit einem Ruck zog sie ihre Jacke zu.
„Sollen wir umkehren?“, fragte ich.
„Auf gar keinen Fall.“ Sie klang verletzt, aber trotzig.
Typisch Peti.
„Sag mal, ist etwas zwischen dir und Schmauch vorgefallen, was du mir nicht erzählt hast?“, mutmaßte ich. „Ich versteh ja, dass du gekränkt bist, wegen Clarissa und so. Aber warum würgt er dir eine rein? Das macht für mich keinen Sinn. Naja, außer, er ist wirklich ein Arschloch. Aber mal ehrlich, wir kannten ihn schon, als er noch Martin hieß. Und so richtig arschig war er doch nie. Sonst hättest du dich nicht in ihn verknallt, oder?“
Sie antwortete nicht, schien in ihre Gedanken verstrickt. Wir gingen schweigend weiter. Besser gesagt: Sie ging, ich stolperte. Irgendwie hatte ich kein Glück mit den Wurzeln. Ich musste mich darauf konzentrieren, im Lichtkegel zu gehen und auf die Fallstricke zu achten. Meine Gedanken schweiften immer wieder zu Bohne ab. Benno, wie er eigentlich hieß, hatte mit elf einen so außerordentlichen Wachstumsschub gemacht, dass er wie eine Bohnenstange in die Höhe geschossen war. Die Breite hatte da nicht mithalten können. Auch jetzt, mit fünfzehn, war er noch ungewöhnlich lang und dünn. Wenn er sich hinsetzte, sah das aus, als faltete sich ein Zollstock zusammen. Bei diesem Anblick zuckte mein Herz jedes Mal und meine Mundwinkel kräuselten sich zu einem Lächeln. Ich war schon ziemlich lange in ihn verschossen. Aber in Liebesdingen hinkt die Entwicklung von Jungs gnadenlos hinterher. Das Herz scheint bei ihnen langsamer zu wachsen.
„Dinge ändern sich. Menschen ändern sich. Manchmal erkennt man sich selbst nicht wieder“, sagte Peti in das lange Schweigen hinein. Sie stieß ein verächtliches Schnauben aus. „Eines ist ja mal ganz sicher: Ich werde mich heute amüsieren. Ich werde mich so sehr amüsieren, dass dafür ein neues Wort erfunden werden muss.“

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