aus: Flammenspiel

Angela Hoptich
Das unerwartete Fehlen von Vanillekipferln

I.
Wie Honig, der von einem Löffel troff, zähflüssig, lang­sam, aber geschmeidig, verließ mein Bewusstsein die wirkliche Welt und landete sanft in meinem Gedankenhaus. Sofort hüllte mich der süßliche Duft von Plätzchenteig ein – und wunderbare Stille. Nun gut, ein Rest meiner Aufmerksamkeit blieb in der Realität zurück – genau so, wie ein Rest vom Honig auf dem Löffel kleben blieb. Reiner Selbsterhaltungstrieb. Im Hintergrund arbeitete mein Gehirn alle Gefahren­schutzpläne ab, die die Natur eingebaut hatte. Der Großteil meines Bewusstseins befand sich jedoch nun in Omalindes Küche. Ich atmete das Aroma von Vanille, Butter und Zucker tief ein, das sich mit einem Hauch Bitter­mandel und Kakao mischte. Ein, zwei, drei Atemzüge und es ging mir besser. Die Küche war leer, aber ich hörte das leise Summen meiner Oma. „Zwei kleine Italiener“, das war ihr Lied. Sie hatte es mir stundenlang vorgesungen, und wenn ich mich anstrengte, konnte ich heute noch jede Zeile mitsingen. Ich ging zum Tisch. Sicherlich stand dort bereits ein Tel­ler mit Vanillekipferln für mich bereit – wie jedes Mal, wenn ich
in die Küche kam. Der alte Holzstuhl wie auch der Tisch waren sehr hoch. Ich konnte nicht über die Tischkante gucken.
Routiniert kletterte ich auf die untere Querstrebe des Stuhls und zog mich an der gedrechselten Lehne auf die mit rotem, weiß gepunkteten Stoff bezogene Sitzfläche hoch. Da stand er, der Plätzchenteller. Mitten auf dem Tisch neben der Fliegenpilz-Zuckerdose. Die Tischplatte schien zu wachsen, als ich meinen Arm nach der süßen Ver­suchung ausstreckte. Der Teller rückte von mir weg, je weiter ich mich über den Tisch beugte. Das Grinsen der Vanillekipferl verspottete mich. Plötzlich klirrte etwas neben dem Tisch. Aus Versehen hatte ich einen Kuchenteller hinunter­gestoßen. Die Dinger waren aber auch wirklich unsichtbar. Wer stellte rotweiß gepunktete Teller auf eine rotweiß gepunktete Tischdecke? So etwas machte nur Omalinde. Alles bei ihr war rot mit weißen Punkten, ihr absolutes Lieblings­muster. Von der Schürze, die an einem Haken an der Wand mit der rotweißen Tüpfeltapete hing, über die Geschirr­tücher bis zur Tischdecke und der Futterschale von Windsor, ihrem geh­behindertem Perserkater, vom Kakaobecher bis zum kleinsten Teller. Der lag jetzt auf dem Boden, in drei scharfkantige Stücke zersprungen. Sollte ich ihn aufheben? Vielleicht verstecken?
Omalinde – eigentlich hieß sie Heidelinde, aber mit drei Jahren hatte ich sie der Einfachheit halber umgetauft und das war bis heute geblieben – wurde selten sauer. Sie schimpfte nie. Ohne Umschweife würde sie einfach einen neuen Teller aus dem Schrank holen. Vielleicht allerdings würde mein Kakaobecher ungefüllt bleiben. Mir fiel auf, dass das Summen aufgehört hatte. Schnell kletterte ich vom Stuhl und hob die Scherben auf. Als ich sie in den – wie könnte es anders sein? – rotweiß gepünktelten Mülleimer warf, schnitt ich mir in die Daumenkuppe. Ein Blutstropfen quoll hervor und landete auf dem hellgrauen Linoleumbelag. Das war noch nie passiert. Ich starrte den Fleck an. Der rote Tupfen wirkte wie ein Eindringling in Omalindes rotweiß gepünktelter, heiler Welt. Eine Glocke schrillte entsetzlich laut wie ein Feuermelder.

Meine Trommelfelle vibrierten. Ich hielt mir die Ohren zu und presste die Lider fest zusammen. „Ava. – Ava!“ Jemand rüttelte an meiner Aufmerksamkeit. Jener Rest meines Bewusstseins, der in der Realität zurückgeblieben war, dehnte sich aus und mit ihm das Geschrei und der Tumult von mehr als fünfzehnhundert Schülern um mich herum. Mit einem Mal befand ich mich wieder auf dem Schulhof, auf dem es schlimmer zuging als auf dem Pavianfelsen im Zoo. „Ava, wach auf, die Pause ist zu Ende.“ Herr Engelhardt, mein Englischlehrer und heutige Pausen­aufsicht, wedelte hektisch mit der Hand, als wolle er Fliegen verscheuchen, dann drehte er sich um und ging Richtung Hauptgebäude, wo die Schülermasse behäbig durch den ein­zigen Eingang strömte. Ich blieb auf meinem erhöhten Aussichtspunkt sitzen. Dank der Idee von humanistischer Bildung besaß unsere Schule eine Art Amphitheater aus großen Basaltquadern, in dem der Wahlpflichtkurs Deutsch-Theater im Sommer seinen Unterricht abhielt und gelegentlich Vorführungen oder Versammlungen der Schülervertretung stattfanden. Der oberste Rang war mein Lieblingsplatz, während sich die anderen Schüler lieber zwischen den Bäumen und auf dem Sportfeld tummelten. Meist war ich hier allein, ein wenig abseits vom Geschehen und erhoben über dem Gedränge. Ich beobachtete die träge Herde, die nun zu zwei Dritteln im Haupthaus verschwunden war. Mittendrin entdeckte ich meine ex-beste Freundin Fenja, wie sie ekel­haft aufdringlich mit Mika flirtete. Der billige Geruch ihres Blümchen-Parfums schien mir selbst hier oben die Rezeptoren zu verkleben. Sie hatte sich heute wieder einmal aufgestylt, als erwartete sie, dass jeden Moment Heidi Klum durch die Tür träte und sie persönlich in die nächste Runde Demütigungsspektakel ent­führte. Wie sie mit den Hüften wackelte, als sie jetzt vor Mika durch die Tür ging. Dabei konnte sie auf den hohen Hacken gar nicht laufen. Ein Schmerz zuckte durch meinen Daumen und ich bemerkte, dass ich den Nagel bis aufs Blut abgekaut hatte. Schnell spukte ich die Krümel aus und streifte meine Hand an der Jeans ab. Mit einem Seufzer zog ich die Strick­mütze mit den Bommelöhrchen tiefer ins Gesicht und stand auf. Notgedrungen würde auch ich nun zum Unterricht gehen müssen.

II.
Die hellblaue Tür zwinkerte mir willkommen heißend zu. So sah es jedes Mal aus, wenn ich aus dem Bus ausstieg und um die Ecke bog. Der Briefschlitz und die beiden winzigen Fenster, die in das Türblatt eingelassen waren, wirkten auf mich wie ein freundlich lächelndes Gesicht. Der Druck auf der Brust ließ nach, sobald der Summer ertönte. Die Sprechstundenhilfe telefonierte gerade und winkte mich durch in Dr. Fredags Behandlungszimmer. Sie hielt zwei Finger in die Luft und bedeutete mir damit, dass ich noch ein wenig warten musste. Das machte mir gar nichts aus. Dr. Fredags Raum war ein entspannender, wohl temperier­ter Ort. Die rundfingrigen Blätter der Topfpflanze winkten ein zurückhaltendes Hallo, als sich die Tür hinter mir schloss. An den Wänden hingen Bilder, die den Raum heimelig erscheinen ließen. Das Sofa mit der Patchworkdecke war weich und bequem. Aus einer Stehlampe tropfte ange­nehm gelbes Licht. Kunstseidene Schleier vor den Fenstern sperrten die Welt aus und die von innen gepolsterte Tür sorgte für Diskretion und angenehme Stille. Doch das Schönste in Dr. Fredags Zimmer war das große Aquarium. Mit einem zarten Klopfen an das Glas begrüßte ich die Fische, die sofort neugierig angeschwommen kamen. Stundenlang hätte ich zusehen können, wie die bunt schillernden Geschöpfe ihre Bahnen zogen. Ich wusste genau, wie sie sich fühlten. Wie die Kühle des Wassers über die Haut streichelte.
Wie die Welt zu unscharfen Flecken verschwamm, wenn man schnell durch das Becken kraulte. Wie der Lärm und Hall in den Hintergrund traten, sobald das Wasser den Gehörgang füllte. Seit ich vor ein paar Jahren den Schwimm­sport für mich ent­deckt hatte, verbrachte ich den größten Teil meiner Freizeit im nassen Element. Und falls ich einmal keine Gelegenheit dazu bekam, gab es das virtuelle Pendant des Schwimmbads in meinem Gedankenhaus. Ich brauchte nur die Milchglastür mit dem türkisfarbenen Streifen öffnen und war mit einem Sprung im Wasser. Ein Schrecken fuhr mir in die Glieder, als draußen ein LKW vorbeiklapperte. Der Luftzug blähte die Vorhänge. Oh nein, das Fenster sollte geschlossen sein.
„Hallo, Ava.“ Dr. Fredag stand hinter mir. Völlig lautlos hatte sie den Raum betreten und musterte mich nun ausdruckslos. Ich murmelte eine Begrüßung. Sie nickte und wies mit der Hand zur Sitzgruppe.
„Möchtest du vielleicht deine Mütze abnehmen und mir dein bezauberndes Gesicht zeigen?“, fragte sie. „Die brauchst du hier nicht.“
Nein, möchte ich nicht, dachte ich, sagte es aber nicht. Stattdessen zuckte ich mit den Schultern. Sie lächelte mich an und nickte. Es war ein Ritual zwischen uns.
„Nun gut“, sagte die blassgesichtige Therapeutin, „dann setz dich doch bitte.“
Ich ließ mich in das Sofa sinken und zog die Mütze tiefer ins Gesicht. Die Haarspitzen meines Ponys piksten mir in die Augen, aber ich mochte ihn so lang. Dr. Fredag nahm in ihrem Sessel Platz, dem Sofa gegenüber.
„Wie war deine Woche, Ava?“, fragte sie und rückte ihre blaugeränderte Brille zurecht.
Auf ihrem Schoß lag ihr Notiz­block. Meist hielt sie ihre Hände darauf gefaltet. In meinem Beisein hatte sie noch nie etwas notiert. „Gut“, antwortete ich zögernd, denn das war eine Frage der Perspektive. Was für mich „gut“ erschien, mochte für sie „katastrophal“ heißen. Und umgekehrt. Draußen lärmte eine Horde Grundschulkinder vorbei. Das Fenster sollte eigentlich geschlossen sein.
„Können wir bitte das Fenster schließen?“, fragte ich leise.
„Meinst du nicht, ein wenig Frischluft würde uns beiden guttun?“, fragte sie zurück. Ich beugte mich vor, bis meine verschränkten Arme die Knie berührten. Der Pony versperrte mir nun völlig die Sicht, aber das störte mich nicht. Ich wollte Dr. Fredags harmonisierendes Lächeln ohnehin nicht sehen.
„Bist du mit deiner Wochenaufgabe zurecht ge­kom­men?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Möchtest du mir davon erzählen?“
Nein, das mochte ich nicht. Meine Wochenaufgabe hätte ein offenes Auf-jemanden-Zugehen erfordert. Mög­licher­weise ein lockeres Gespräch, ein Austausch von gehaltlosen Sätzen. Eine Disziplin, in der ich bei jedem Versuch versagte. Weil mein Gehirn seltsame Impulse an meinen Körper sandte, die die Hände feucht werden ließen, die Wangen heiß und den Hals staubtrocken. Impulse, die dem halbverdauten Frühstückshaferbrei in meinem Bauch eine Extraportion Magen­säure spen­dier­ten, wenn es Mika war, der vor mir stand, mich erwartungsvoll ansah und auf eine Antwort wartete.
Ich hatte wiederholt feststellen müssen, dass die hundert Millionen Neuronen in meinem Gehirn sich nicht so einfach kontrollieren ließen, nur weil Dr. Fredag mir eine Wochenaufgabe stellte. Ich war keine Neuronen­dompteurin. Meine Synapsen hatten einen natürlichen Drang zu impulsivem Ungehorsam. Sie spielten nach ihren eigenen Regeln. Vor meinem inneren Auge sah ich eine wilde Horde rot blinkender Impulse durch das feine Gitternetz der Nervenbahnen jagen – und folgte ihnen.

Wie ein Skispringer landete ich mit einem perfekten Telemark im Schlafzimmer meiner Eltern. Auf dem riesigem Bett in der Mitte des Raums türmte sich das Plumeau hoch auf wie eine wunderbare Schneelandschaft. Ich kroch hinein und genoss das Federgewicht der Bett­decke, die mich in Unbekümmertheit einhüllte. Es roch nach Mama und Papa, nach Lange-Schlafen und trägen Sonntagmorgen. Das leise Ticken von Papas Wecker gab meinen rasenden Herzschlägen einen ruhigeren Takt vor. Ich räkelte mich wohlig unter der Decke. Sonnenlicht fiel durch die Gardinen und warf verzerrte Muster auf Bett und Wände. Zwei Türen erschienen aus dem Nichts, die eine rot mit weißen Punkten, die andere hellblau mit lächelndem Gesicht. Doch plötzlich endete das Lächeln und wandelte sich zu einer strengen Miene. Eine vertraute, aber ungewohnt resolute Stimme brach laut in die tickende Stille ein:
„… Zeit, diese Barriere zu durchbrechen, meinst du nicht, Ava? Ich denke, wir beide sind an einem Punkt angelangt, an dem eine Pause einen größeren Fort­schritt erzielen würde als eine Fortführung unserer Schweige­sitzungen. Was hältst du davon, wenn wir etwas Neues versuchen? Ich werde dich an einen Kollegen überweisen.“

III.
Eine leise Irritation meiner Geruchsrezeptoren weckte mich noch vor dem Weckerklingeln. Ein heftiger Schreck durchzuckte mich. Rauch. Alarmiert setzte ich mich auf und lauschte. Alles war still. Das bedeutete: Papa rauchte am Badezimmerfenster und Mama schmollte in der Küche über einer Tasse „Guten-Morgen-Tee“. Sie hatten sich mal wieder ge­stritten, Papa hatte mal wieder den Kürzeren gezogen und Mama war mal wieder beleidigt, weil er sie nicht verstehen wollte. An sol­chen Morgen schien es mir, als lebten die beiden nicht nur in unterschiedlichen Welten, sondern in zwei verschiedenen Sonnensystemen, die regelmäßig in unserer Vier-Zimmer-Wohnung kollidierten, implodierten und die mühsam auf­recht erhaltene Ordnung mit schwarzen Löchern perforierten.
Mit einem aus der Tiefe aufsteigenden Seufzer ließ ich mich zurück in die Kissen fallen. Schlechtes Gewissen breite­te sich wie ein Schwelbrand in mir aus. Hätte ich nur meinen Mund gehalten und Dr. Fredags Vorschlag stillschweigend akzeptiert. Ich hätte einfach am nächsten Freitag zu diesem Kollegen, diesem Dr. Alboroto, gehen können, ohne meine Eltern damit zu behelligen.
Dumm, dumm, dumm war ich!
Doch weil mir das Ganze so spanisch vorgekommen war, hatte ich diese Information leichtfertig geteilt und dadurch die beiden Heimatplaneten auf Kollisionskurs gebracht. Papa war nämlich der Meinung (und da wollte ich ihm gerne beipflichten), dass die Therapiestunden vergeudete Lebenszeit wären und ich das gar nicht nötig hätte.
Meine Schüchternheit würde sich schlicht und einfach mit der Pubertät auswachsen, behauptete er.
Meine Mutter dagegen tutete mit Dr. Fredag in das gleiche Horn und sprach von Sozialphobie und Depressio­nen. Sie verstand nicht, dass ich einfach nur lieber für mich blieb, anstatt mich mit den hohlköpfigen Gleich­altrigen an meiner Schule abzugeben, und dass ich lieber meinen eigenen Gedanken nachhing – die, wohl gemerkt, durchaus unterhaltsamer waren als das Geschwätz meiner Mitschüler. Sie konnte auch nicht nachvollziehen, dass mich größere Menschenansammlungen nervös machten und diese
Nervosität zu körperlichen Symptomen wie unkontrollier­barem Erröten, Zittern, Herzrasen, Schweiß­­ausbruch oder Sprechhemmung führte, die ich tunlichst in der Öffent­­lichkeit vermeiden wollte. Dabei war es völlig egal, ob es sich dabei um viele oder nur einen Zuschauer handelte. War es nicht normal, sich vor möglichen Demüti­gungen bewahren zu wollen? Also, für meine Begriffe schon. Am liebsten wollte ich in Ruhe gelassen werden, und zwar von allen – blutsverwandt oder nicht.

Der Wecker piepte durchdringend. Zehn vor sieben. Zeit, in den Kampf zu ziehen. Widerstrebend hievte ich die Beine aus dem Bett. Der Boden unter meinen Füßen, graubraunes Schiffsparkett aus Eiche, war kalt und schien zu schwanken. Schnell fischte ich nach einem Paar geringelter Socken, das ich achtlos unter das Bett gekickt hatte – zu den anderen vierzehn (oder so) Paaren, die dort zwischen halbleeren Müslischalen, Wollmäusen und ungelesenen, aber nicht verschmähten Büchern ein geheimes Eigenleben führten und sich wöchentlich zu vermehren schienen. Ich verwarf die Idee, duschen zu gehen, und angelte nach meinen Klamotten, die dort lagen, wo sie mir am Abend zuvor vom Körper gerutscht waren. Die Jeans hatte ausgebeulte Knie und eine Wäsche dringend nötig. Ich überlegte kurz die Alternativen, entschied, dass es auf einen Tag mehr oder weniger nicht ankam, und schlüpfte hinein. Das dünne Trägerhemdchen, in dem ich geschlafen hatte, behielt ich an. Es auszuziehen hätte mich arge Überwindung und eine Menge Körperwärme gekostet. Ich versank dankbar in den wohligen Weiten meines Kapuzenpullis. Noch eben den wollenen Helm aufgesetzt – und schon fühlte ich mich halbwegs gewappnet für kommende Schlachten. …

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