aus: Sternentod

Die Farbe des Himmels – Angela Hoptich

Das Kaninchen kaute genüsslich auf einem Halm. Es saß mutterseelenallein inmitten der Lichtung. Die Sonne blinzelte durch die Bäume und ließ helle Flecken auf seinem Fell tanzen.
Im Brombeergebüsch ging Lennox lautlos in die Hocke. Die von Beerensaft klebrigen Hände streifte er an seiner speckigen Lederhose ab und griff vorsichtig nach der Armbrust, die er unter dem Busch abgelegt hatte. Ranken schlugen ihre Stacheln in seine Haut, doch er beachtete sie nicht. Währenddessen hoppelte das Kaninchen ein paar Schritte weiter, die Nase tief zwischen den Gräsern, als wäre es auf der Suche nach dem einen, dem leckersten Blättchen.
Lecker – jawohl!
Lennox’ Vorderzähne schmerzten vor Verlangen, sich in das gegrillte Tier schlagen zu können. Der Geschmack von geröstetem Fleisch lag ihm schon auf der Zunge. Dieses Kaninchen war das erste, das er seit Wochen zu Gesicht bekam. Der Wald war wie leergefegt. Er durfte es nicht entkommen lassen.
Lennox spannte die Sehne und legte an. Jetzt nur nicht die Waffe verziehen.
Er atmete aus und krümmte den Finger, als das Kaninchen plötzlich zusammenzuckte, aufstob und, blitzschnell Haken schlagend, im Unterholz verschwand. Lennox hätte vor Enttäuschung am liebsten geschrien, doch sein Instinkt riet ihm, sich ruhig zu verhalten. Irgendetwas hatte das Tier erschreckt. Er spähte vorsichtig auf die sonnengefleckte Lichtung.
Da. Zwischen den Farnwedeln raschelte es. Er duckte sich tiefer ins Gebüsch und hob die Armbrust. Zielte.
Ein zerzauster Kopf brach durch die grüne Blätterdecke. Schmale Schultern folgten. Es war ein Kind, gerade so groß, dass es bis zur Taille aus dem Farn ragte. Seine Haare waren verfilzt und grau von Schmutz, die Kleidung dreckig und zerlumpt. Es drehte Lennox den Rücken zu.
Wo kam dieser Knirps her? Hier im Wald lebte kein Mensch. Eine leise, fremdartige Melodie, mehr gesummt als gesungen, klang über die Lichtung. Lachend tanzte das Kind durch die hohen Farnwedel auf Lennox’ Versteck zu. Es schien, als versuche es, die Sonnenflecken zu fangen, die über die Blätter glitten wie Glühwürmchen durch die Nacht. Beim Näherkommen erkannte er, dass es ein Mädchen war, vier oder fünf Jahre alt, mit schwarzem Haar und hellbrauner Haut. Die Augen blitzten hell in dem kleinen Gesicht, als es die Brombeeren entdeckte.
»Rühre einen Muskel, Junge, und du bist tot«, sagte eine tiefe Männerstimme hinter ihm. Lennox spürte das kalte Metall eines Messers an der Kehle. Das Mädchen hatte ihn so sehr abgelenkt, dass er seine übliche Vorsicht hatten fahren lassen. Jetzt steckte er in der Scheiße. Er wagte nicht zu schlucken, kaum zu atmen, denn er spürte, dass die scharfe Klinge bereits seine Haut angeritzt hatte und ein paar Tropfen Blut den Hals hinunterrollten. Der Angreifer schlug ihm die Armbrust aus der Hand und riss ihm die Arme nach hinten. Er band Lennox die Hände auf dem Rücken zusammen und die Arme an den Körper. Die Fessel schnitt tief in die Handgelenke und Oberarme. Lennox versuchte, sie zu lockern, aber das dünne Seil gab kein Stück nach.
»Papa!« Das Stimmchen der Kleinen klang so golden wie die Sonnenstrahlen. »Papa, wo bist du? Sieh nur, Beeren!«
Sie riss eine Handvoll saftiger Früchte ab und stopfte sie sich alle auf einmal in den Mund. Saft rann ihr Kinn hinab und ließ sie noch verschmuddelter aussehen, als sie es ohnehin schon war.
»Papa?«, nuschelte sie mit vollem Mund, während ihre flinken Hände schon Nachschub pflückten.
Der Vater trat vor Lennox und gab sich seiner Tochter zu erkennen. Das Seilende hielt er fest in seiner Hand. Lennox fühlte sich wie ein Tier an der Leine. Der Mann war einen Kopf größer als er. Die dunklen Haare fielen ihm in den Nacken. Die braune Kapuzenweste hatte mehr als nur einen Riss und hing an ihm herunter wie eine ärmellose Kutte. Sie stellte sein breites Kreuz und die muskelbepackten Arme eindrücklich zur Schau.
»Raisha, hier bin ich. Mmmh, das sieht lecker aus.« Er ging in die Knie und ließ sich von der Kleinen einige Beeren in den Mund stecken. Sie entdeckte Lennox und hielt ihm die blaugefleckte Rechte entgegen.
»Willst du auch?«
Er konnte sie nur anstarren. Wer waren diese Menschen? Was machten sie hier? Wussten sie nicht, dass im Wald tödliche Gefahren lauerten?
Der Vater zog ihn ein Stück weg von der Kleinen, als wäre Lennox eine Gefahr für sie. Dabei konnte er kaum einen Finger krümmen, so eng waren seine Arme und Hände verschnürt.
Neugierig folgte ihnen das Mädchen und fragte:
»Wer ist das, Papa?« Sie legte den Kopf ein wenig schief, wie ein Vogel, und betrachtete Lennox. Er fühlte sich unwohl unter ihrem intensiven Blick. So, als könne sie in seine Seele sehen. Kein schöner Anblick für ein Kind, dachte Lennox verlegen.
Doch das Mädchen schien anderer Meinung zu sein und lächelte ihn an.
»Warum sind seine Hände gefesselt?«, fragte es.
Der Vater brummte nur und nickte zum Wald hinüber.
»Lass uns deine Mutter suchen. Vielleicht hat sie ein paar Pilze gefunden. Hast du keinen Hunger?«
Die Kleine schüttelte den Kopf. Hastig riss sie Brombeeren vom Busch, mit Blatt und Stiel, und steckte sie in die Taschen ihrer dünnen Jacke.
»Komm jetzt«, drängelte der Mann. Mit angespannter Miene ließ er den Blick wachsam über Wald und Lichtung gleiten. Unter dem dunklen Bartschatten zeigten sich einige Falten, von Wetter und Sorgen gezeichnet.
»Warte. Nur ein paar noch. Für Mama.« Sie beeilte sich mit den Beeren, riss und stopfte, bis die Taschen voll waren.
Schließlich machten sie sich auf den Weg den Hügel hinauf und erreichten nach wenigen Minuten ein Lager in einer Kuhle, abgeschirmt von einigen Büschen. Eine Frau kniete neben einer kalten Feuerstelle und schichtete Reisig und Zweige auf.
»Mama, ich hab dir was mitgebracht.« Die Kleine stürmte auf die Frau zu, die Hände voller Beeren. Die Frau sah auf und zuckte zurück, als sie Lennox hinter ihrem Mann entdeckte. Doch das Mädchen hatte sie schon erreicht und drückte ihr überschwänglich die Beeren in den Mund. Freundlich, aber bestimmt schob die Mutter das Kind zur Seite, stand auf und klopfte sich den Dreck von der Hose. Dann trat sie Lennox und ihrem Mann entgegen.
»Wer ist das?« Sie sprach mit ihrem Mann, ohne den Blick von Lennox zu nehmen. Es waren die erstaunlichsten Augen, die Lennox jemals gesehen hatte. Strahlend hell, sandfarbene Iris, mit einem dunklen Ring am äußeren Rand und langen, schwarzen Wimpern. Sie leuchteten ihm aus dem hellbraunen, ebenmäßigen Gesicht skeptisch entgegen. Ein fast schmerzhaft stechender Blick. Ein Schwall langer, schwarzer Haare ergoss sich über ihre Schultern und Rücken, stumpf von Staub und Blättern, die darin hafteten. Trotz ihres schmuddeligen Äußeren war das die schönste und einschüchterndste Frau, der Lennox in seinem fünfzehnjährigen Leben begegnet war. Sie schien etwas kleiner und nur wenige Jahre älter als er, höchstens eine Dekade, aber sie strahlte mehr Stärke und Anmut aus als jede Frau, die er kannte. Lennox wollte etwas sagen, aber seine Stimme versagte. So öffnete und schloss er den Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen und blieb stumm.
»Ich habe ihn auf einer Lichtung gefunden. Er beobachtete Raisha.« Der Mann trat neben die Frau und fixierte Lennox scharf. »Ich weiß nicht recht, Ayla, er sieht zwar harmlos aus, aber was tut er allein hier im Wald?«
Die Frau hob das Kinn.
Ihr sandfarbener Blick war so durchdringend, dass Lennox’ innerliche Stärke, sein jugendlicher Trotz, seine Selbstschutzmauern dahinschmolzen wie Eis in der Sonne. Er fühlte plötzlich den Drang, sich zu erklären. Alles sprudelte nur so aus ihm heraus.
»Ich habe nicht das Mädchen beobachtet, sondern ein Kaninchen. Ich bin auf der Jagd. Die Kleine…«
»Raisha. Ich heiße Raisha. Und ich habe kein Naninchen gesehen«, warf die Kleine ein.
»… hat das Kaninchen verjagt, als sie auf die Lichtung sprang. Ich hätte dem Mädchen niemals etwas angetan.«
»Was ist ein Naninchen?«, wollte Raisha wissen und sah Lennox erwartungsvoll an.
»Wer bist du? Wieso gehst du allein auf die Jagd?«, fuhr ihn der Mann an. »Wo kommst du her?«
Lennox schluckte. Er konnte doch nicht wildfremden Menschen seine Lebensgeschichte auf die Nase binden. In hilflosem Trotz entgegnete er:
»Und ihr? Was macht eine Familie mit einem kleinen Kind im Wald? Das ist leichtsinnig und lebensgefährlich.« Seine Stimme kiekste ein wenig. »Hier muss man sich verteidigen können. Binde mich los. Ich will nicht als Monsterfutter enden.« Er zerrte an den Fesseln.
»Monster?«, flüsterte Raisha. Sie trat näher an Lennox heran und fragte in kindlichem Ernst: »War das Naninchen ein Monster?«
Lennox’ Herz krampfte sich zusammen über so viel Unschuld und Unwissenheit. Er schüttelte schnell den Kopf.
Im nächsten Moment lag er auf dem Boden, mit dem Gesicht im Dreck. Der Mann hatte ihm die Beine weggetreten und sich selbst neben Lennox hingeworfen. Ayla lag ebenfalls flach auf der Erde, mit Raisha im Arm. Sie hielt der Kleinen den Mund zu. Lennox sah sich um. Der Mann machte ihm ein Zeichen, still zu bleiben, und zog eine laubbedeckte Plane über alle vier.
Dann hörte Lennox sie kommen. Sieker. Laute, die dem Grunzen von Wildschweinen ähnelten. Brüllen, das einem das Blut gerinnen ließ. Und das Klimpern und Knarzen ihrer merkwürdigen Rüstungen, die sie aus allem zusammensetzten, das sie finden konnten: Knochen, Holz, Tierhäute und Felle. Sogar Metallteile wie Besteck oder Blechdosen, die sie in den Dorfruinen auflasen. Der Boden bebte unter ihren schweren Schritten. Es war ungewöhnlich für Sieker, sich tagsüber aus den Höhlen zu wagen. Normalerweise mieden sie das helle Sonnenlicht. Nur deshalb traute Lennox sich überhaupt in den Wald. Tagsüber war er sicher. Doch diese hier schienen eine Ausnahme zu machen. Hatten sie vielleicht die helle Kinderstimme gehört, das junge Blut gerochen? Lennox fühlte, wie ihm kalter Schweiß aus den Poren drang. Seine Nervenbahnen begannen zu sirren wie die Sehne seiner Armbrust beim Schuss.
Oh nein, die Armbrust! Die lag wohl noch auf der Lichtung.

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