aus: Sturmgesang

Angela Hoptich
Der Duft von Bergkristall

In meinem zwölften Lebensjahr hörte ich auf, öffentliche Ver­kehrsmittel zu benutzen. Es lag nur zum Teil an der Tat­sache, dass in jenem Jahr meine Eltern bei einem Busunglück ums Leben kamen. Der andere Teil – ein Teil von beträchtlicher Größe – ist der Selbstverständlichkeit geschuldet, mit der die persönli­che Distanzzone invadiert wird. Die obligatorische Arm­länge Abstand, die den Wohlfühl­bereich markiert, verliert beim Betreten eines Busses völlig an Bedeutung. Während der Stoßzeiten geht man sogar noch wei­ter und dringt auch ungehemmt in die Intimzone eines Ande­ren ein. Als Mädchen an der Schwelle zur Frau wurde mir das erstmals bewusst. Gedränge bot anderen die Möglichkeit, un­gesehen Hände wandern zu lassen.
Das allein war es nicht, was mich damals am meisten abstieß und auch heute noch so weit wie möglich davon abhält, mich in Menschenmengen zu bewegen. Das Schlimmste sind die Gerüche.
Aufdringlich.
Unausweichlich.
An dieser Stelle ist jede unterlassene Beschreibung eine gute Beschreibung. Die Beste.
Ich habe eine feine Nase. Schon immer, doch mit der Pu­ber­tät schien sie sich noch zu verfeinern. Leider. Meine Rezep­toren sind voll funktionstüchtig und -willig. Begierig möchte ich fast sagen. Und es gibt keinen Ausschaltknopf. Was ich gerade jetzt – in genau diesem Moment – sehr bedauere. Hier stehe ich, 18.19 Uhr, Linie 13 Nord, Mittelgang. Heimfahrt.
Petrus setzt heute meine eiserne Regel außer Kraft.
Draußen tobt ein Ungewitter. Ein Wetterungeheuer, wie wir es seit Jahren nicht gesehen haben. Es zerreißt meinen feier­abendlichen Fußmarsch in der Luft und begräbt ihn unter nassen Böen. Mit jedem Busstopp bekommt meine Rezeptoren­armee mehr zu kämpfen. Ich versuche mich abzulenken, atme flach und durch den Mund. Verdränge, so gut es geht, jegliche Geruchswahrnehmung und konzentriere mich auf meine anderen Sinne. Der Sturm reißt an der Eisenhaut, stößt und rüttelt, wäh­rend Wassermassen gegen Dach und Fenster peitschen. Mit einer Hand in einer Gummischlaufe und der anderen an einer feuchtkalten Stange klammere ich mich fest wie eine Ertrin­kende ans Leben. Der Bus hält mit metallischem Ächzen. Eine Frau zwängt sich durch den Türspalt, noch bevor der Öffnungsvorgang be­endet ist. Sie sieht aus wie der Bobtail meines Nachbarn, wenn er aus der verhassten Badewanne entkommen ist.
Mein Blick fällt auf mein Spiegelbild in der Scheibe. Ich sehe kaum besser aus: meine Frisur ein trauriger Vorhang dunk­ler Strähnen, auf den Wangen schwarze Tränenbäche billiger Maskara. Der Trenchcoat klebt an mir wie eine Pelle. Die Bobtailfrau drängelt sich in die Menge der Fahrgäste – weg von der Tür, die immer noch nasse Peitschenschläge hereinlässt – und erobert sich einen Platz an der Haltestange direkt vor mir. Ihr Scheitel ist mir so nah, dass ich die wenigen grauen Haare zwischen den weißen zählen kann. Die Frau riecht nach Rote Bete.
20230713 Pankreas.
Tumore riechen immer nach Rote Bete.
STG-TrennerWenn ich’s recht bedenke, liegt meine Aversion gegen öffent­lichen Personentransport wohl doch hauptsächlich am Un­fall­tod mei­ner Eltern. Zwar nicht, wie man vordergründig annehmen möchte, weil ich eine folgerichtige Angst vor Bussen entwickelt hätte. Viel mehr lag es an dem Moment des Abschieds an je­nem speziellen Tag. Sie gaben mich bei meinen Großeltern ab, um eine Wochenendreise nach Venedig anzutreten. Ein Reise­unternehmer bot die Fahrt über Ostern zu einem angeblich unschlagbaren Niedrigpreis an. Den meine Eltern mit ihrem Leben teuer bezahlten.
„Tschüss, Nika, Schätzchen, sei brav und ärgere deine Groß­eltern nicht“, sagte Paps.
Meine Mutter drückte mich so fest, als ahnte sie das Kom­mende bereits. In jenem Moment roch ich es zum ersten Mal. Es war ein lehmiger Geruch. Ein wenig klebrig. Wie die helle, matschige Erde, aus der ich als Kleinkind oft Dinge geformt hatte. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, warum ich dabei an rote und blaue Lichter denken musste. Der Geruch legte sich auf meine Zungenwurzel, ließ sich nicht schlucken, saß fest, bis meine Mutter mit einem letzten Win­ken aus dem Autofenster für immer verschwand.
Es dauerte ein paar Jahre, bis ich die Zusammenhänge begriff. Wie der Stimmbruch bei Jungen die Stimme verändert, so schien sich mein Geruchssinn ebenfalls in eine neue Rich­tung zu entwickeln. Aber die Pubertät brachte so viel Ablen­kung mit sich, dass ich dem wenig Aufmerksamkeit zollte. Ohnehin müffelte alles in dieser Zeit, was den überbordenden Hormonen geschuldet war. Als jedoch meine Großmutter begann, nach Rote Bete zu riechen, kam ich nicht umhin, mich damit zu beschäftigen. Jedes Mal, wenn sie mich umarmte, huschte eine Zahlenfolge durch mein Bewusstsein – und etwas, das einer sehr langen Wurst glich. Es sind keine Bilder. Bilder entgleiten mir, lösen sich auf, sobald ich versuche, sie festzuhalten. Gedanken sind es auch nicht, keine greifbaren Geistesblitze oder Erinnerungen. Es ist eine Gewissheit, die sich mit jedem Geruch in mir mani­festiert.
Eine tödliche Gewissheit. …

STG-Ende

Angela Hoptich
Was wäre, wenn?

Im Kerzenlicht schimmerte der Wein wie Bernstein. Der war­me Ton streichelte meine Seele. Ein komplexes, delikates Aroma, das mit Haselnuss-, Kräuter- und Tabaknoten an­ge­­rei­chert war, entströmte dem Getränk. Ich ließ einen Schluck zwischen Gaumen und Zunge verweilen, genoss das samtige Gefühl. Der Weinhändler meines Vertrauens hatte ihn mir empfohlen.
„Ein Klassiker“, hatte er gesagt. „Der mundet zu jedem Anlass.“
Mag sein, dachte ich. Zur Musik mundet er hervorragend. Vor allem mundet er auch allein und das wahrscheinlich besser als in schlechter Gesellschaft.
Mein Blick fiel auf die Uhr an der Wand. Viertel vor neun. Ich goss mir nach und nahm einen weiteren Schluck vom Amontillado. Allein entschieden besser als in Gesellschaft. Die Flasche ent­hielt kaum mehr als die Neige.
Ein leises Klopfen ließ mich aus meinen Gedanken auffahren. Wieder huschte mein Blick zur Uhr. Zehn vor neun. Zeit war eine träge Masse.
Das Tocken wurde lauter. Beharrlicher.
Ich stellte das Glas ab und ging zum Fenster. Von draußen sah mich Poe an, seinen Kopf auf anklagende Weise geneigt. Seine glänzenden Obsidian-Augen machten mir Angst. Es schien, als sähen sie in mein tiefstes Inneres. Ich öffnete das Fenster und stellte meine Gabe, ein Schälchen mit Beeren, hin­aus. Vorsichtig strich ich über das nachtschwarze Gefieder. Er duldete es hoheitsvoll, keckerte kurz.
„Hallo, mein Freund“, grüßte ich zurück.
Poe war ein Dieb. Wir machten uns vor ein paar Monaten miteinander bekannt, als er zum ersten Mal auf meinem Fen­sterbrett landete. Seine Schar belagerte nachts das Dach gegenüber. Er stahl den Meisenknödel samt Netz und Aufhängung, riss das Ding mit Gewalt aus der Verankerung.
Eine Woche später – ich hatte inzwischen den Futterballen ersetzt und mit einem stärkeren Strick gesichert – kam er wieder. Diesmal hackte er ein Loch in das Gewebe und pulte große Klumpen der Körnermasse heraus. Weder mein Händeklatschen noch das Klopfen an die Scheibe beeindruckten ihn. Als ich das Fenster öffnete, zuckte er nur kurz und ließ mich mit einer Drohgebärde wissen, dass er bei der Futteraufnahme ungestört bleiben wollte. Mit seinem scharfen Schnabel wollte ich keine Bekanntschaft machen, so ließ ich ihn gewähren. Er war ein faszinierendes Tier, so stolz und schön. Auf seinen Federn schimmerte das Blau des Himmels, in seinen Augen spiegelte sich die Welt. Die Art, wie er sich benahm oder mich ansah, hatte etwas unglaublich Menschliches an sich. Ich wusste nicht, wie man Rabenmütter von Rabenvätern unterschied, aber dieses Exemplar erschien mir eindeutig männ­lich. Es lag eine elementare Kraft in seinen Bewegungen, eine Art kämpferischer Macht. Vielleicht täuschte ich mich auch. Mütter sind sehr viel rabiater, wenn es um den Lebens­erhalt der Nachkommenschaft geht. Allein, mir fehlte der Ver­gleich.
Als er sein Mahl beendet hatte, stürzte er sich vom Fensterbrett in die Tiefe der fünf Stockwerke unter uns und ich fühlte den Drang ihm zu folgen.
Statt des Meisenknödels legte ich ihm am nächsten Tag einen Apfel hin. Kolkraben mochten Obst, so Wikipedia. Lieber fraßen sie Aas, Eier und kleine Nagetiere, doch das stand außer Frage. Er kam zurück. Jeden Tag wurde er zutraulicher. Wir sprachen über dies und das. Ich sprach, er hörte zu, sah mich mit diesen wissenden, hypnotischen Augen an.
Anfangs wollte ich ihn Nevermore nennen. Als ich ihn damit ansprach, sah er mich erst mitleidig, dann beleidigt an. So entschied mich für Poe. Der Name schien ihm zu gefallen. Manchmal, wenn ich übermütig war, rief ich ihn Edgar oder auch Eddie. Das mochte er gar nicht. Dann stieß er hoch in die Luft und kreiste eine Weile, um mich für meinen Frevel mit Ignoranz zu strafen.
Unsere Beziehung wurde ein Geben und Nehmen.
Ich gab ihm Futter und er nahm es huldvoll an.
Ich erzählte ihm von meinen Sorgen und er nahm mir das Gefühl, allein zu sein. In meinem Kopf führten wir Dialoge. Nein, nicht nur in meinem Kopf.
Unsere Seelen sprachen zu­einander.

Während die letzten purpurnen Streifen am Horizont zer­flos­­sen, senkte sich die Nacht behäbig auf uns nieder. Gegen­über kam Bewegung in die Schar. Die Krähen stießen mit Geschrei in die Luft. Es schien mir, als riefen sie nach Poe. Wie ein dunkler Mahlstrom kreiselten sie über den Dächern. Verwirbelten meine Gedanken.
„Wo fliegen sie hin?“, fragte ich.
„Zu den Nachtlanden“, sagte er. „Komm, flieg mit uns.“
Nichts lieber als das.
Ich kletterte auf das Fensterbrett und ließ die Beine baumeln. In der Tiefe lauerte die Dunkelheit der ankommenden Nacht, der Abgrund rief nach mir. Der Sog war unerträglich. Meine Haut begann zu prickeln, Angst schlich sich den Rücken hinauf. Nicht die Angst zu fallen, sondern die Angst, dem Sog willig nachzugeben. Mein Herz schlug schneller, meine Atmung wurde flacher. Die Schatten zogen an meinen Füßen, an meinem Willen, an meiner Kraft.
„Sieh nicht in die Finsternis. Heb deinen Blick den Sternen entgegen“, krächzte Poe, seine Stimme heiser wie das Öffnen einer lang verschlossenen Tür.
Also hob ich den Kopf.
Die Nacht hatte sich vollends über das Firmament gelegt. Funkelnd traten die Sterne hervor – mehr, als ich je gesehen hatte. Je länger ich hinaufstarrte, desto heller schienen sie zu leuchten. Sie blinkten, lockten, riefen nach mir. Berührten mein Herz. Ich streckte ihnen meine Arme entgegen, doch meine Füße waren zu schwer. An ihnen hing noch immer die Dunkelheit, hielt mich gefangen. Poe hüpfte an die Kante zum Abgrund und drehte sich zu mir um. Mit einem kurzen Zucken seines Schnabels forderte er mich auf, ihm zu folgen, und stieß sich ohne einen Laut vom Fensterbrett ab. Sein Körper verschmolz mit der Finsternis, bis er die Schwingen ausbreitete und sich vom Aufwind hinauftreiben ließ. Sternenlicht streichelte seine Federn. Er lachte. Sein Kra-Kra hallte zu mir herüber, seine Freude vibrier­te durch meinem Körper. Er schlug mit den Flügeln und war kurz darauf weit über mir auf dem Weg zu den Sternen.
Ich zögerte.
Mühsam schüttelte ich die Beine, streifte die zähe Dunkel­heit ab, die wie Pech an mir klebte. Schwerfällig hievte ich die Füße auf das Brett und stand auf, den Blick fest auf Poe gerichtet. Er schraubte sich höher in die Lüfte. Wieder kroch die Angst empor, nistete in den Winkeln meines Bewusstseins.
Was, wenn ich es nicht schaffe?
Was, wenn ich nicht gut genug bin?
Was, wenn ich abstürze?
STG-Ende

Angela Hoptich
Zugvogel 

Herr und Frau Fein lehnen sich zurück in ihren eleganten Stühlen, als die Kellnerin das opulent beladene Frühstücks­tablett auf den Tisch stellt. Es ist Sonntag. Sonntags gibt es Rührei mit Speck, weiße Brötchen und Croissants mit roter Marmelade. Sie sind noch warm. Trotz der Scheibe zwischen uns streicht der volle Duft der feinblättrigen Gebäckstücke um meine Nase. Spucke sammelt sich auf der Zunge. Frau Fein schaut in meine Richtung, durch die Scheibe und mich hindurch. Es wird kalt. Ich ziehe meinen Mantel enger und weiter.

Der Wind treibt mich durch den Park. An dem großen Spring­­brunnen ist eine Bank in der Sonne frei. Sonne – wie gemacht für Sonntage. Sie kitzelt meine Nase, bis ich niesen muss.
„Gesundheit.“
Meint er mich?
Neben mir hat sich ein Mann niedergelassen. Im Sonntags­staat. Weißes Hemd, dunkler Mantel, die Schuhe blank poliert. Ein Blutstropfen hängt an seinem Hals. Wohl frisch rasiert. Ja, das Kinn ist glatt, der Blick scharf wie ein Messer. Sein Wolfs­gebiss grinst mich an. Schnell stehe ich auf und gehe meines Weges.

STG-Ende