aus: Jahrhundertflut

Angela Hoptich
Auf den Grund

Die große Bücherkiste quietschte laut. So laut, dass Bas davon aufwachte. Er schlug die Augen auf und sah sich einer Ratte gegenüber. Sie saß keine zwanzig Zentimeter entfernt auf seinem Rucksack, der ihm nachts als Kopfkis­sen diente. Er fluchte und rollte zur Seite. Die Ratte zuckte und rückte ein Stück ab, beobachtete ihn wachsam mit schwarzen Knopfaugen. Sie hatte einen weißen Fleck links an der Stirn, weswegen er sie Spotty getauft hatte. Spotty ­­war wahrhaft unverfroren, wenn es darum ging, Bas’ Vorräte zu plündern. In den letzten Wochen hatte er sich mit ihr angefreundet und sie sogar in einer Zeichnung verewigt, was einem Ritterschlag gleichkam. Nur die Figu­ren, die eine wichtige Rolle in seinem Leben spielten, hielt Bas in seinem Buch fest. Spotty war derzeit seine einzige Freundin.

Erst jetzt bemerkte er, dass irgendetwas anders war. An den Modergeruch hatte er sich gewöhnt, nun aber schwamm ein ekelhaft algiger Gestank mit. Die Luft kam ihm extrem feucht vor. Das vergitterte Kellerfenster hatte er am Abend zuvor geschlossen. Wochenlanger Dauer­regen hatte eine Lawine von Laub und Dreck in den Schacht gespült. Die Scheibe ließ nur noch wenig Licht herein.
Bas setzte sich auf und schwang die Beine von seiner improvisierten Bettstatt. Mit einem Platschen landeten sie im Wasser. Er fluchte laut und zog die Füße zurück. Verdammt, was war hier los?
Hastig riss er die Taschenlampe aus dem Rucksack und ließ den Lichtstrahl durch den Kellerverschlag gleiten. Wasser stand im Raum. Viel Wasser. Es reichte bis an die oberste Kiste des Stapels heran, auf dem er seine Schlafstelle errichtet hatte. Seinen Elfenbeinturm.
„What the fuck …?“
Loses Inventar aus den Regalen trieb in der plötzlichen Sintflut und dazwischen – Ratten. Vier, fünf, sogar sechs erfasste der Lichtkegel. Zwei paddelten durch die dunkle
Brühe und drei kletterten tropfnass auf die erhöhten Kisten und Kartons, eine saß in einem leeren Blumenkübel auf dem großen Metallregal.
Bas seufzte und sah sich um. Die Isomatte und der Schlafsack, die er vor ein paar Wochen aus einer Kiste mit Campingzeug gefischt hatte, waren inzwischen völlig durchnässt. Der kleine Topf und der Blechbecher lagen zusammen mit dem Gaskocher auf dem Grund der Flut. Seine regenfeuchte Jeans hatte er zum Schlafen ausgezogen. Jetzt hatte die Überschwemmung ihr ein klatschnasses Hosenbein verpasst. Es war eiskalt, als er hineinschlüpfte. Seine Sneakers tanzten wie kleine Boote auf den Wellen, die die schwimmenden Ratten verursachten.
„Verfickte Scheiße“, stieß er hervor und erschreckte dabei Spotty, die neben ihm auf der Isomatte saß. Die Ratte huschte an das andere Ende und ließ Bas nicht aus den Augen. Sie rümpfte ihre Nase und schien belustigt. Er knurrte sie an.
„Schau mich nicht so schadenfroh an, du dämliches Biest. Was braucht man Feinde, wenn man Freunde wie dich hat?“ Er schlug mit der Faust auf die Matte und das Tier sprang ohne Zögern ins Wasser. „Ja, ja, verlass nur das sinkende Schiff. Von mir bekommst du keinen Krümel mehr.“
Er angelte seine Schuhe aus der dunklen Brühe und stülpte sie sich über die Füße. Sie waren durchgeweicht und kalt. Shit, warum nur bin ich nicht weitergezogen?
Das hatte er nun davon.
Für einen kurzen Moment spürte er den schadenfrohen Blick seines Vaters im Nacken. Er hasste seinen Vater. Er hasste sein Zuhause, hasste die Eifel, in der nichts als scheinheilige Ruhe und Perspektiv­losigkeit herrschte. Er wollte nicht den ausgetretenen Fußstapfen der Familie folgen, nicht Landwirt werden, auch nicht Förster, nicht Mechaniker oder Bäcker. Oder, noch schlimmer, in einer der ortsansässigen Brunnen-AG-Niederlassungen arbeiten.
Er, Bas, hatte Flügel. Er war Künstler. Und deshalb auf dem Weg nach Berlin. Künstler lebten in Berlin. Köln war nur ein notwendiges Übel, um ein wenig Reisegeld zusammen zu klauen.

„Muss ein Wasserrohrbruch sein“, sagte Bas zu den Ratten, die ihn mit rot reflektierenden Augen anglotzten. „Also, ich such mir ein trockeneres Fleckchen. Macht ihr doch, was ihr wollt.“ Den Rucksack hoch über seinen Kopf haltend, sprang er ins Wasser. Es reichte ihm bis zu den Achseln und fühlte sich eisig an. Er schauderte. So oft er sich in letzter Zeit eine morgendliche Dusche gewünscht hatte – das hier hatte keinerlei Ähnlichkeit damit.
Scheiße, dachte er und verzog das Gesicht, bin eben doch ein Warmduscher. Damit hatten sie ihn an seiner Schule aufgezogen. Sollten sie doch alle zum Teufel gehen!
Zügig watete er zum Eingang des Lattenverschlags. Gegenständen aller Art trieben im Wasser. Was hatten die Leute nur so viel Zeug herumstehen? Das Treibgut machte eine wahre Müllhalde aus dem Keller. Und das Wasser stieg schnell. Inzwischen reichte es ihm bis an die Schultern heran.
Die Tür bewegte sich nicht, als er sie aufdrücken wollte. Bas trat dagegen, doch die Wassermasse bremste die Wucht des Tritts. Die Tür blieb, wo sie war.
Er rüttelte an den Latten.
Irgendetwas blockierte.
Er hängte seinen Rucksack an das oberste Holz. Der Lichtstrahl seiner Taschenlampe drang nur wenige Zentimeter in die Dreckbrühe ein, fing sich aber in den Schemen eines rechteckigen Körpers. Die Flut hatte das Schränkchen hierher getrieben, das normalerweise in einer Nische des Ganges stand. Es steckte fest, hatte sich regelrecht verkeilt und versperrte den einzigen Fluchtweg.
Das Wasser stieg weiter.
Es stand Bas bis zum Hals.
Er war groß für sein Alter, brachte es auf lange, schlaksige Einsachtzig mit seinen vierzehn Jahren, doch das nutzte ihm wenig, denn der Luftraum über ihm verkleinerte sich zusehends. Bei jeder Bewegung schwappte ihm die Brühe in Nase und Mund – erregte das Gefühl, in einem Gulli zu tauchen. Es war ekelhaft. Würgereiz überwältigte ihn, den er mit Mühe niederkämpfte. Trotz der durchdringenden Kälte spürte er seinen Puls heiß in der Halsschlagader pochen. Angst stieg in ihm auf. Er musste etwas unternehmen. Er musste hier raus.
„Scheiße! Verfickte Mega-Scheiße, fuck, fuck, fuck!“, brüllte er heraus wie einen sinnlosen Zauberspruch.
Die Ratten quiekten. Höhnisch, wie ihm schien. Sie schwammen an ihm vorbei und schlüpften mit Leichtigkeit zwischen den Latten hindurch. Auch Spotty.
Bas sah ihr mit wachsender Verzweiflung nach. Die Ratte dreh­te sich kurz um, als wollte sie sagen: Nun mach schon!
Ihm fiel das Werkzeug ein, das auf einem der nun überschwemmten Regale lagerte. Er griff sich blind, was ihm unter die Finger kam – einen Hammer und einen sehr großen Schraubenschlüssel. Mit roher Gewalt machte er sich an der Tür zu schaffen. Er war nie besonders kräftig gewesen und die Pubertät hatte mit schnellen Wachstumsschüben seine Muskeln grotesk in die Länge gezogen. Der schwere Metallknochen in seiner Hand zog wie ein Anker nach unten. Außerdem waren seine Finger inzwischen so kalt, dass er sie kaum noch spürte. Die Kraft verließ seinen Körper Schlag um Schlag.
Dafür stieg die Panik.
Sein Herz raste.
Vom Überlebenswillen getrieben mobilisierte er seine Reserven. Das Wasser leckte bereits an dem Rucksack, der an der höchsten Latte hing. In dem Rucksack war alles, was Bas besaß, und alles, was ihm etwas bedeutete – in einem wasserfesten Zip-Beutel, der in einer Plastiktüte steckte, die wiederum von seinem Handtuch umwickelt war. Solange er den Rucksack nicht ins Wasser fallen ließ, würde die Verpackung der Sintflut standhalten.
Dieser wertvollste Schatz, sein Leben, seine Zukunft war eine einfache Kladde. Der schwarze Einband hielt eine Welt zusammen, wie Bas sie sich ersehnte. Hunderte schwarzweißer Zeichnungen offenbarten seine Seele. Den Kern, den Inbegriff des Menschen, der er sein wollte. Ein Held. Stark, unerschrocken, geradlinig. In der wirklichen Welt – das hatte er schmerzlich einsehen müssen – sah es ganz anders aus.
Eine Erinnerung flammte in ihm auf. Hänni, seine älteste Schwester – wie sie ihn mit diesem wohlwollenden und zugleich bemitleidenden Blick ansah, als er den Fehler machte, ihr einen Blick in sein Seelenbuch zu gewähren. „Comics“ hatte sie seine Skizzen schnöde genannt, und das hatte Bas einen schmerzhaften Stich versetzt.

Mit einem Kampfschrei und einem erstaunlichen Ener­gieschub schlug er gegen die Latten, die endlich ihren Widerstand aufgaben und brachen. Er zwängte sich durch den Spalt, balancierte seinen Rucksack über dem Kopf und schwamm – einarmig und mit zitternden Knien – der Treppe in die Freiheit entgegen.
Der Keller war verwinkelt und beinahe ein wenig gruselig mit den vielen, dunklen Gängen und Verschlägen. Es bestand wenig Gefahr, dass Bas’ Nest entdeckt wurde. Selten kam irgendwer hier herunter. Jetzt allerdings wünsch­te er sich, dass jemand ihm zu Hilfe käme.
Er hatte die Treppe fast erreicht, als eine Strömung ihn erfasste. Erst zerrte sie an seinen Beinen, schließlich ergriff sie den ganzen Körper. Bas strampelte vergeblich dagegen an, schlug mit Armen und Beinen aus, um die Nase über Wasser zu halten.
Das Undenkbare geschah: Der Rucksack fiel ins Wasser und wurde von der Strömung wegge­rissen. Mit einem derben Fluch nahm Bas die Verfolgung auf. Der Strom wurde schneller, der Wogenschlag höher. Der nasse Stoffsack verschwand im Sog des Elements. Die Strömung schleuderte Bas durch die Kellergänge. An jeder Ecke brach sich die Brandung in schäumender Gischt. Er wurde herum­geworfen, bis er nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Wie damals in der Wasserrutsche. Hänni und Amy, seine Schwestern, hatten ihn zu seinem achten Geburtstag in ein Spaßbad eingeladen. Er hatte sich keine Blöße geben wollen, aber für einen wilden Ritt lang hatte er geglaubt, er würde unweigerlich dort ertrinken, wo andere Spaß hatten. Zum Glück hatte niemand bemerkt, dass seine Badehose nicht nur vom Wasser nass geworden war.
Das gleiche Gefühl befiel ihn jetzt, da die Strömung in einen Strudel mündete. Unfassbar: ein surrealer Mahlstrom kreiselte in einem Kellergewölbe unter der Kölner Südstadt. Vergeblich strampelte er gegen den Strudel, bis dieser ihn nach einigen Umdrehungen regelrecht einsaug­te. Seine Hilfeschreie versiegten in kläglichem Gurgeln. Ein letzter Atemzug – und schon wurde Bas unter Wasser gerissen.
Ein ausgefranstes Loch im Estrich verschluckte ihn und das wenige Tageslicht, das die Kellerfenster hereingelassen hatten. In völliger Dunkelheit wurde er durch eine Röhre tiefer und tiefer hinabgespült. Das Wasser gurgelte und gluckerte wie der Abfluss der heimischen Badewanne – als ob in den Rohren riesige Wasserungeheuer lauerten, die auf ihr nächstes Opfer warteten.
Die rasante Abwärtsrutsche endete abrupt, als die Röhre ihn in einem Wasserfall ausspie und er etliche Meter tief in ein unterirdisches Bassin fiel. Die Luft ging ihm aus und er paddelte mit letzter Kraft nach oben.
Gegenstände und Müll trieben an der Oberfläche und ein paar Ratten, mit aufgeblähtem Bauch nach oben. Die Luft stank nach Kloake.
Egal, es war Luft, der Odem des Lebens.

Kaum hatte er zwei Mal tief durchgeatmet, zerrte ihn erneut etwas in die Tiefe. Dieses Etwas hatte spitze Zähne. Trotz der betäubenden Kälte spürte er, wie sie Jeans und Haut durchschlugen. Er schrie, doch es kam nur klägliches Blubbern heraus. Dafür füllte sich sein Mund mit Wasser und dem Gefühl zu ertrinken. Mit dem freien Bein trat er panisch gegen das Ding, das ihn nicht loslassen wollte. Es tat höllisch weh und obendrein wurde der Sauerstoff knapp. Bas war kein schlechter Schwimmer, aber nicht der beste Taucher. Nie gewesen. Er hatte kein Talent im Luftanhalten.
Jetzt wünschte er, er hätte ein wenig mehr Ähnlichkeit mit „Basman“. Denn der wusste immer, was zu tun war. Basman war der Held seiner Zeichnungen. Sein Alter Ego. Basman würde vor allem ruhig bleiben, alle Kräfte sammeln und sich mit einem gezielten, finalen Tritt befreien. Bas dagegen strampelte weiter kopflos um sein Leben. …

JHF-Ende

Angela Hoptich
Was das Herz will

Kalt.
Es ist so kalt.
Das Wasser. Die Kleidung. Die Füße. Alles.
Mein Körper bebt mit Stärke 9 auf der Richterskala. Das Stakkato meiner Zähne dröhnt in meinen Ohren. Ich verstehe nicht, was sie sagen, sehe nur die Lippen, die sich bewegen. Wie die losen Unterkiefer von Marionetten. Beängstigend.
Ich sehe weg.
Zu dem schwarzen Ungetüm über mir.
Aus Stahl und Beton.
Schemen bewegen sich, hin und her.
Blaue Blitze schmerzen in den Augen.
Alles fühlt sich falsch an.
Rechts auf links, innen nach außen.
Ich schwebe. Von Händen getragen.
Jemand brüllt: „Bleib bei mir, Lorelei.“
Seine Zähne blitzen weiß.
Dann wird die Welt schwarz.
JHF-TrennerDas bin ich nicht.
Das Spiegelbild starrt mich an. Ich sehe an seinem Gesicht, dass es das Gleiche denkt.
Das bin ich nicht.
Diese geisterhafte Gestalt. Fadenscheinig bleiche Haut mit Sommersprossen, verstreut wie Pfeffer aus der Mühle. Blonde Strähnen hängen müde herab. So müde wie die Lider über den blauen Augen.
Das bin ich nicht.
Die Finger des Gegenübers streichen über den Hals und weiter hinab, entlang der hässlichen Narbe. Rot und lang liegt sie wie eine tote Schlange zwischen den flachen Brüsten.
Das bin ich nicht.
Meine nackten Füße frieren auf dem karierten Eis.
Ich gehe zurück ins Bett.
Die Tür geht auf und lässt die Schwester herein.
„Sind Sie bereit? Die Polizei ist da.“ Sie nimmt mein Handgelenk und legt geübt zwei Finger darauf. Nach einem Blick auf die Uhr nickt sie. Ihre Hände fahren über die weiße Decke und ziehen sie unter meinem Kinn zurecht. Sie drückt mir den Notrufschalter in die Hand.
„Ich bin gleich nebenan. Wenn es Ihnen zu viel wird, rufen Sie mich. Verstanden, Lorelei?“
Ich nicke. Lorelei – das klingt so schön.

JHF-Trenner

Die Sonne scheint und lässt glitzernde Reflexe über die Liebess­chlösser tanzen. Hunderttausende sind es mindes­tens, die die Brücke zieren. Unsere Schritte eilen beschwingt über den Asphalt, der mit plattgetretenen Kaugummis gesprenkelt ist. Die Spitzen meiner Schuhe leuchten bei jedem Schritt unter dem Rock hervor. Die Hand in meiner Hand ist warm und fest. Eine schöne Hand, mit einem schlichten Reif am Ringfinger, so neu wie meine weißen Schuhe. Unsere Finger verweben sich miteinander, ein unlösbares Geflecht. Mein Herz weitet sich. Ich möchte die ganze Welt umarmen. Unter uns winken Leute vom Deck eines Schiffes herauf. Lachend winke ich zurück. 

Ich reiße die Augen auf. Mein Herz ist weit, so weit. Die Freude darin schmeckt schal. Ich reibe meine Finger aneinander. Das Gefühl der anderen Hand klebt daran. Nicht unangenehm, aber fremd. Mein Bauch schmerzt.

JHF-Trenner
„Erinnern Sie sich an irgendetwas, Frau Mauser? Wie sind Sie ins Wasser geraten? Hat jemand Sie gestoßen, sind Sie gefallen?“
Frau Mauser – das klingt unvertraut. Elisa Mauser. So hat er mich genannt. Ich mochte Lorelei. Die Frau vom Rhein.
Ich schüttle den Kopf. Nichts. Nichts davon kann ich beantworten.
Der Uniformierte sieht mich prüfend an. Sein grauer Blick lässt mich nicht los. Er wartet, dass meine Nase wächst. Tut sie nicht. Ich lüge nicht. Ich weiß nichts.
Schließlich gibt er auf und löst den Blick. Ich reibe mein Handgelenk. Phantomschmerz von Handschellen.
Was hab ich getan?
„Sehen Sie, Frau Mauser, …“ Schon wieder dieser Name. „… der Rhein ist dieser Tage ziemlich schnell. Das Hochwasser schiebt. Die Strömung reißt Mann und Maus mit sich. Es könnte ein Unfall gewesen sein. Ein Ausrutscher.“
Er will mir eine Brücke bauen. Das ist nett. Er ist nett, der dicke Polizist. Die dünne Kollegin neben dem Fenster schaut allerdings ziemlich skeptisch. Doch sie bleibt stumm.
Ich zucke mit den Schultern. Was soll ich sagen?
„Ich erinnere mich nicht.“

JHF-Trenner
Wasser schwappt über mir zusammen und in meine Lunge. Die Traurigkeit zieht mich in Betonschuhen nach unten. Es ist düster und schmutzig. Meine Augen brennen, doch den Schmerz fühle ich kaum, denn der Rhein reißt an mir an allen Enden. Die Strömung packt Arme und Beine, zerrt sie in verschiedene Richtungen. Das erhoffte Gefühl von Frieden stellt sich nicht ein. Das Wasser ist gnadenlos. Schleudert mich herum wie eine alte Lumpenpuppe. Das bin ich: eine alte, nasse Lumpenpuppe, bei der die Füllung fehlt. Jede Zelle vom Wasser durchdrungen. Vollgesogen und schwer sinke ich immer tiefer. Die letzten Luftbläschen entweichen meinen Lippen. Ich sehe ihnen hinterher, wie sie nach oben steigen, und lasse sie ohne Reue ziehen. Seltsam. Ich fühle keine Panik oder Angst. Nur bodenlose Einsamkeit.

Mit einem Japsen wache ich aus meinem Trancezustand auf und pumpe Luft in die Lunge. Das Herz schlägt mir im Hals. Ich betaste meine Haare, mein Nachthemd. Beides trocken. Mir wird übel, der Bauch rebelliert. Ich schaffe es gerade noch ins Badezimmer, dann stürzt ein ganzer Fluss aus meinem Mund. Er schmeckt nach Verzweiflung und Krankenhaustee. …

JHF-Ende